Berlin : Amerikaner in Berlin: "Wir helfen, wo wir können"

Amory Burchard,Bernd Matthies

In den Hotels werden im September etwa amerikanische 25 000 Gäste erwartet, sagte gestern die Sprecherin der Berlin-Tourismus-GmbH, Natascha Kompatzki. In den Touristen-Informationen im Europa-Center und am Brandenburger Tor hätten gestern Hunderte von festsitzenden Reisenden um Hilfe gebeten: Sie waren schon auf dem Rückflug in die Heimat, mussten auf halber Strecke umdrehen und saßen ohne Gepäck in Berlin. Sie hatten Schwierigkeiten, ein neues Hotelzimmer in der Stadt zu finden, nachdem sie ihr altes räumen mussten. Oder sie wollten am frühen Morgen einfach nur touristisch beraten werden - und wurden von den Center-Mitarbeitern mit den schrecklichen Neuigkeiten konfrontiert.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige "Ein Ehepaar", sagt Frau Kompatzki, "war gestern Abend in einem Konzert, kam spät ins Hotel zurück und ging schlafen, ohne den Fernseher anzuschalten. Sie wussten von nichts." Die beiden Amerikaner seien weinend zusammengebrochen, als sie von den Terroranschlägen in ihrer Heimat erfuhren. Die Touristeninformation gibt Telefonnummern aller Anlaufstellen für Ratsuchende weiter, vermittelt SMS-Nachrichten ins Internet. Einen Mangel an Hotelbetten für gestrandete amerikanische Touristen dürfte es in Berlin allerdings nicht geben. Denn wegen des Flugverbots und der Schocksituation nach den Anschlägen wird die größte internationale Besuchergruppe zunächst wegbleiben.

Niemand weiß genau, wie viele amerikanische Besucher sich gegenwärtig in Berlin aufhalten - in den großen Hotels sind es im Durchschnitt ein paar Dutzend. Keiner der von uns befragten Hoteldirektoren konnte von gravierenden Problemen wegen der gestrichenen Flugverbindungen berichten, doch generell gilt, was Stefan Simkovics, der Direktor des Four-Seasons-Hotels am Gendarmenmarkt, sagt: "Wir helfen, wo wir können." Diese Linie empfiehlt auch die Berlin Tourismus Marketing GmbH, die gestern an die Hoteliers der Hauptstadt appellierte, bei in Not geratenen US-Touristen Kulanz walten zu lassen.

Im Four Seasons, das besonders stark von amerikanischen Gästen frequentiert wird, halten sich nach Angaben des Direktors gegenwärtig etwa 50 Besucher aus den USA auf. Man habe sich besonders darum bemüht, ihnen E-Mail- und Telefonverbindungen zu beschaffen; viele Gäste seien auch daran interessiert, in Städte wie Paris oder Mailand weiterzureisen, weil sie damit rechnen, von dort schneller nach Hause zu kommen, wenn die Direktflüge in die USA wieder aufgenommen werden. Ein Zimmerengpass sei aber nicht zu erwarten, da umgekehrt gebuchte Besucher aus den USA nicht anreisen könnten. Auf die Frage nach den Zimmerpreisen für unfreiwillige Verlängerungen sagte Simkovics: "Wir sind ein großzügiges Unternehmen." Stornogebühren würden generell für die nächsten fünf Tage nicht in Rechnung gestellt.

Diese Regel gilt auch im Intercontinental, wo nach Angaben der Hotelsprecherin Türkan Gültepe ebenfalls ein paar Dutzend Gäste aus den USA wohnen. Der Ruf als sicherstes Hotel der Stadt sei als Verpflichtung genommen worden, die Sicherheitsvorkehrungen weiter zu erhöhen.

Im Ritz-Carlton Grunewald wohnen zur Zeit vier Amerikaner, die ihren Aufenthalt zum Teil bereits außerplanmäßig verlängert haben. Eventuell werde man noch Gäste aufnehmen, die nicht länger in den Hotels der Gruppe in Istanbul oder Arabien bleiben wollten, Probleme mit der Zimmerkapazität gebe es voraussichtlich aber nicht, sagte der Direktor Rainer Bürkle. Große Sorge der Berliner galt den New Yorker Kollegen des Ritz-Carlton am Battery Park in unmittelbarer Nähe des World Trade Center, doch es wurde dort niemand verletzt.

Karl Stiehle, der Direktor des Palace-Hotels im Europa-Center, hat ebenfalls nur eine Handvoll Gäste aus den USA. Es könne theoretisch am Wochenende eng werden, da das Haus am Wochenende wegen eines großen Medizinkongresses ausgebucht sei, sagte er. Man rechne aber damit, dass die Flugbeschränkungen bis dahin aufgehoben seien.

Der Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM), Hanns Peter Nerger, bestätigte gestern, dass man ein Rundschreiben mit der Bitte um kulante Regelung an die Partnerhotels verschickt und für die Hotels Informationen ins Internet gestellt habe. Zudem könnten alle Amerikaner in den BTM-Büros in ihre Heimat telefonieren, sagte Nerger. Ungeachtet der Hilfen seitens der Berliner sei die US-Botschaft erste Anlaufstelle für die Amerikaner, und dies wüssten die Gäste auch. Wie viele Reisende aus den USA sich gegenwärtig in Berlin aufhalten, konnte Nerger nicht sagen. Nach BTM-Schätzungen wurden in diesem Monat insgesamt 25.000 Amerikaner erwartet.

Zu den Amerikanern in Berlin gehört auch eine Gruppe von Gästen des Jüdischen Museums, die vom Bundespresseamt betreut wird. Nach den Eröffnungsfeierlichkeiten am Sonntag und am Montag sollten den Direktoren jüdischer Museen und Journalisten jüdischer Zeitungen noch bis zum morgigen Donnerstag informative Reisen und Besuche in Deutschland und in Berlin geboten werden. Die Nachricht über die Terroranschläge erreichte die Gruppe, zu der auch Israelis und Lateinamerikaner gehören, in Leipzig. Dieser Ausflug wurde abgebrochen, aber heute setzten die Gäste ihr Programm mit einem Besuch der Humboldt-Universität und des Zentralrats der Juden fort, sagt Renko Thiemann, Referatsleiter im Bundespresseamt.

Die Gäste seien sehr ergriffen und in Angst um ihre Freunde und Verwandten in New York und Washington. Bislang sei aber noch niemand von privaten Unglücksfällen informiert worden. Wenn die amerikanischen Teilnehmer am Donnerstag nicht abfliegen könnten, soll für sie das Programm verlängert werden. Ein israelischer Gast wollte schon am Dienstagabend zurückkehren, saß aber in Frankfurt fest. Flüge von Deutschland nach Israel sollten ab gestern Abend, 23 Uhr wieder möglich sein.

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