Berlin : Amerikas Stellvertreter

John Cloud hält als Geschäftsträger die Stellung in Berlin – bis die US-Regierung einen neuen Botschafter für Deutschland bestimmt

Christoph von Marschall

„Als Amerikaner in Berlin habe ich die ganze deutsche Geschichte vor Augen“, sagt John A. Cloud. Das fasziniert ihn an der neuen alten Hauptstadt. Von der US-Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße ist es nur ein Katzensprung zum Reichstag, zum Brandenburger Tor. Er ist nicht ins Amtszimmer des Botschafters umgezogen, auch wenn er nun mehrere Monate lang die diplomatische Nummer Eins der USA in Deutschland ist: als Interimsgeschäftsträger.

Daniel Coats hat Berlin Ende Februar verlassen, einen Kandidaten für seine Nachfolge hat Präsident Bush noch nicht nominiert. Aber auch dann wird es dauern, Botschafter zählen in Amerika zum politischen Personal, das nicht ohne Anhörung im Senat ernannt werden kann. 1996/97 hat dieses Verfahren wegen innenpolitischer Verknüpfungen in Washington dazu geführt, dass die USA 16 Monate lang keinen Botschafter in Deutschland hatten. Doch diesen Rekord von James D. Bindenagel als Geschäftsträger zwischen den Botschaftern Charles Redman und John Kornblum wird John Cloud wohl kaum brechen. Unter normalen Umständen gelten vier bis sechs Monate ab der Nominierung als normale Verfahrensdauer. Deutschland ist ja ein wichtiger Partner.

Der 51-jährige Cloud ist Karrierediplomat – mit einem Herz für Mitteleuropa. Seit Juli 2003 ist er zum zweiten Mal in Deutschland, 1991 bis 1995 war er bereits in Bonn: Jahre voller Hoffnung und eines wachsenden deutschen Selbstvertrauens. In Berlin erlebt er heute eine Stimmung der Angst, vor allem, was die Wirtschaft betrifft. 2001 bis 2003 diente er dem Präsidenten als Berater für Finanz- und Handelsfragen im Nationalen Sicherheitsrat und arbeitete Bushs „Sherpa“ für die Wirtschaftsgipfel Gary Edson zu. Zweimal war er auch in Polen auf Posten. 1985 bis 1988 erlebte er dort die letzten Tage des Kommunismus, 1996 bis 1999 als stellvertretender Missionschef die neue Dynamik in Osteuropa. Im State Department hat er 1989 bis 1991 die Wende zu Demokratie und Marktwirtschaft in Polen, Ungarn und in derTschechoslowakei begleitet. Von Berlin aus verfolgt er die Entwicklung Polens und der deutsch-polnischen Beziehungen empathisch, in beiden Sprachen kann er sich verständigen.

Überhaupt diese schwierige Geschichte Mitteleuropas: In Berlin kann man ihre Zeugnisse an allen Ecken und Enden entdecken, das fasziniert Cloud, zumal im Vergleich zu Bonn, das für einen eher beschaulichen historischen Ausschnitt steht. Mit Interesse blickt Cloud auch nach Brüssel. Die Europäische Union wird als Partner der USA immer prominenter.

Mit dem Wechsel von der Nummer Zwei hinter dem Botschafter zum Geschäftsträger ändert sich Clouds Alltag. Zwar war er schon bisher jede Woche in den verschiedensten Ecken Deutschlands unterwegs – dem dezentralen System des deutschen Föderalismus und der Verteilung wichtiger Staatsorgane über das ganze Land kann er viel abgewinnen –, aber vorwiegend in internen Angelegenheiten. Nun wird er mehr öffentlich auftreten, vor allem in Schulen und in den neuen Bundesländern, wo die Kenntnisse über die USA noch nicht so verbreitet sind wie in der alten Bundesrepublik, das Interesse aber anhaltend hoch ist.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sieht er nach Präsident Bushs Besuch in Mainz auf dem Weg zur Normalität, die Misstöne zuvor empfand er als ungewöhnlich. Als Nummer Eins wird er nun den Deutschen Amerikas Positionen erklären – damit sie sie besser verstehen. Sie müssen sie ja nicht teilen.

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