Berlin : amnesty international: "Guckt nicht nur fern - tut was!"

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So einen leidenschaftlichen Appell hat der Zoo-Palast noch nicht gehört. "Ich bitte euch, geht nicht nach Hause und vergesst alles. Guckt nicht nur fern - tut was!" Anna, eine Schülerin aus dem Publikum, griff sich zum Schluss spontan das Mikro. Doch bei vielen der über 900 Jugendlichen im fast voll besetzten Kinosaal hätte es keiner Extra-Einladung bedurft. Das, was ihnen amnesty international über Folter berichtete, saß. Auch wenn die Stimmung im Saal teils eher an eine lockere Schulfestivität erinnerte.

Das lag vielleicht daran, dass Anja Caspary durch die Veranstaltung führte, jene "Radio-Eins"-Moderatorin mit dieser augenzwinkernden Erotik in der Stimme, die auch auf der Kinobühne keine schlechte Figur abgibt und sich daher von männlichen Pubertierenden immer wieder Pfiffe einfing. "Das Gute ist, hier kann man nicht weiterzappen wie im Fernsehen", lenkte Caspary die Aufmerksamkeit nach dem Film über Folteropfer in der türkischen Stadt Manisa auf Barbara Neppert, Türkei-Expertin bei amnesty. Sie hat die Prozesse gegen die Jugendlichen beobachtet, die gegen die Erhöhung von Schulgebühren protestiert hatten. Einem Mädchen hatte ein Polizist Stromelektroden an den Zeh gelegt, an die Brustwarzen, die Vagina. Stille im Kino, immerhin. Die Jugendlichen sind wieder frei, die Polizisten zu Haftstrafen verurteilt, auch dank der Berichte im Privatfernsehen und Protesten von Menschenrechtlern, beantwortet Frau Neppert Fragen der 14- bis 18-Jährigen, die über die Schulen eingeladen worden waren.

Dann nahm Daniel Orellana Aguirre, der in Chile Folter erleiden musste, das Mikro in die Hand. "Es ist okay, wenn wir in guter Stimmung sind, das zeigt, es geht uns gut, wir haben Kraft", fing er die Atmosphäre auf. Erzählte, dass Folter keine Spuren hinterlassen soll bis auf jene in der Seele. Machte Mut, sich dagegen zu stemmen.

Sara, 16, und Katja, 15, vom Hohenschönhausener Pestalozzi-Gymnasium haben sich stapelweise Protestbrief-Vordrucke mitgenommen, um dem neunjährigen Firoz aus Bangladesh zu helfen, dessen Schicksal zuvor Radio-"Fritz"-Moderator Jan Weyrauch vorgestellt hatte. "Wir haben uns voll geärgert, so ein ernstes Thema, und dann lachen die da drinnen ab." Vorm Kino trommelten derweil die Schüler der "Bando"-Gruppe von der Kurt-Schwitters-Gesamtschule auf Ölfässern um Aufmerksamkeit.

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