Berlin : Amoklauf in Neukölln: Warum schoss der Grenzschützer um sich?

Frank Jansen

Nach fast vier Stunden Befragung wirkt Richter Hans Boß weiterhin ratlos: "Wir suchen noch immer ein bißchen nach Erklärungen, was gewesen ist." Doch die platinblonde Verlobte des Angeklagten kann kein Motiv benennen, "nee, da war nischt". Plötzlich hat Jens B. in der Nacht zum 5. April durchgedreht, ist mit seiner Waffe in Neukölln auf die Straße gelaufen, hat auf die Wohnung einer Nachbarin geschossen, dann in der Kneipe "Memory 2" zwei Mal gefeuert und ist nur dank der schnellen Reaktion eines Libanesen überwältigt worden. So weit erscheint der Fall klar, den die 23. Strafkammer des Landgerichts seit gestern verhandelt. Aber warum der 29-Jährige Amok gelaufen ist und seine Beamtenlaufbahn beim Bundesgrenzschutz zerstört hat, lässt sich nicht nachvollziehen.

Selbst für den Angeklagten nicht? "Der ganze Abend ist für mich ziemlich lückenhaft", sagt B., der sich wegen versuchten Mordes verantworten muss. Der große Mann mit dem Bürstenhaarschnitt und der sommerlich grünen Krawatte blickt redend wie schweigend permanent starr durch seine Brille. Er wisse nur, dass er im Memory war, "ich bin aufgestanden, habe die Waffe gezogen und auch einmal geschossen". Alles weitere sei wegen alkoholbedingter Aussetzer unerklärlich. Er könne auch nicht sagen, ob sich im Lokal Türken aufgehalten haben.

Für die Motivsuche ist dies ein zentraler Punkt. Zwei Polizisten sagen als Zeugen aus, Jens B. habe bei seiner Festnahme geäußert, er hasse Türken. Alle, die sich im Lokal aufhielten, wollte der BGS-Mann erschiessen. Warum der bis dahin unauffällige Beamte als Fremdenhasser wüten wollte, bleibt jedoch unklar. Am ersten Prozesstag werden nur Indizien präsentiert, die allenfalls vage Vermutungen zulassen.

Der Beamte hat mehr als 40 000 Mark Schulden. Im Memory verkehren vornehmlich Ausländer. Darunter auch solche, die sich mit Waffen auskennen und offenbar wenig Interesse an Kontakt mit der Justiz haben. So wurde die Dienstpistole von Jens B., nachdem er von dem Libanesen zu Boden geworfen worden war, fachmännisch entladen, ebenso ein Teil des Magazins. Vier Kartenspieler, auf die B. gezielt haben soll, verschwanden beim Eintreffen der Polizei. Das Gericht weiß nicht, wo die Männer sind, die als Zeugen wertvolle Aussagen machen könnten. Auch die polnische Kellnerin ist verschwunden, die das Geschehen mitbekommen hat. Alles Indizien, die vielleicht Anlass zu der Frage geben, ob Jens B. von Gästen des Memory Geld geliehen hatte und dann unter Druck gesetzt wurde. Die Verlobte des Angeklagten sagt aber, die Schulden wären in sechs Jahren weitgehend abgezahlt gewesen.

Der Angeklagte gibt einen Gewaltausbruch am Abend vor dem Amoklauf zu. Jens B. hatte einem Bekannten den BGS-Stern einer Dienstmütze überlassen und diesen dann zurückgefordert. Als der Mann vorbeikam, versetzte ihm der Grenzschützer einen Faustschlag in den Magen. Daraufhin rückte ein Begleiter des Bekannten den Stern heraus. Anschließend begab sich Jens B. jedoch ganz friedlich mit seiner Verlobten zu einem Freund und dessen türkischstämmiger Frau. Gemeinsam wurde reichlich getrunken. "Wir haben uns super unterhalten", sagt die Verlobte von Jens B. Doch nach der Heimkehr drehte der BGS-Mann durch. Warum, lässt sich vielleicht kommenden Montag klären.

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