Berlin : Ampel ist noch kein Grund für Abwahl

Ingo Bach

Im Bezirk Kreuzberg sind die Grünen besonders erfolgreich - im Wahlkreis rund um den Graefe-Kiez bekamen sie mit Barbara Oesterheld ihre einzige Direktkandidatin durch. In der Marheineke-Halle zum Beispiel finden sich die Sympathisanten, um Tofuwürste, Biobrot oder eingelegte Oliven zu kaufen. Hierher schickten die grünen Strategen ihre ausgepowerten Wahlkampfhelfer zum Auftanken. Doch auch in dieser grünen Wahlhochburg regt sich Unmut bei den Wählern über eine Ampel-Zusammenarbeit mit der FDP. Eine Mittdreißigerin, die auf einer Parkbank vor der Markthalle die letzten Sonnenstrahlen genießt, hat die Grünen eher aus bundespolitischen Gründen gewählt. "Die Atomkraftwerke müssen weg." Den grünen Spitzenkandidaten für ihren Wahlkreis, Öcan Mutlu, kennt sie nicht.

Zum Thema Online Spezial: Berlin hat gewählt Die Grünenanhängerin, die ihren Namen nicht nennen will, wartet erst das Ergebnis der Berliner Koalitionsverhandlungen ab. "Allein die Teilnahme an der Ampel ist noch kein Grund, die Grünen abzuwählen." Sie könne mit der Berliner FDP nichts anfangen, dazu sei die Partei zu blass - und deshalb erst mal noch keine Gefahr für die grüne Politik. "Aber wenn sich die Grünen von den Liberalen ein Ja zum Autobahnring aufzwingen lassen, dann werde ich sie nicht mehr wählen." Eine gewisses grünes Machtstreben toleriert sie. "In der Politik geht es doch immer um Macht und Geld."

Ganz so tolerant ist die 35-jährige Inhaberin eines kleinen Lebensmittelstandes in der Marheineke-Halle nicht. Sie hat die Grünen gewählt, weil sie nicht in der Affäre um die Landesbank verwickelt sind. Eine Beteiligung an der Macht um jeden Preis lehnt sie ab - "wenn mit dieser Macht keine glaubhaften Programme verbunden sind".

Die Grünen geraten bei ihren Wählern in einen Ruf, der bisher nur der FDP manchmal angeheftet wurde: die Macht der Macht wegen haben zu wollen. Auch für Matthias Heinz ist die Verkehrspolitik der Knackpunkt zwischen FDP und Grünen. "Wenn die Grünen hier Kompromisse eingehen, dann ist das doch keine Haltung." Der 34-jährige Kreuzberger hat die Grünen weniger der Programmatik wegen, sondern wegen des jetzigen Justizsenators Wolfgang Wieland gewählt. "Der zeigt wenigstens Haltung und steht dafür, in die Opposition zu gehen." Das wäre auch für Heinz der einzig richtige Weg, den die Grünen jetzt gehen sollten. "In einer Ampel wäre ihre Politik bei all den Kompromissen doch gar nicht mehr erkennbar, in der Opposition schon."

Obwohl er seit sieben Jahren regelmäßig bei den Grünen sein Kreuz macht, will er sich nicht Grünenanhänger nennen lassen. "Ich habe sie gewählt als das kleinere Übel." Er traut den anderen Parteien noch weniger zu. Und wenn die Grünen der Ampel ihre Zustimmung geben? "Dann werde ich sie trotzdem in fünf Jahren wieder wählen", sagt Heinz. "Dann ist das kleinere Übel zwar ein bisschen größer, aber immer noch das kleinere."

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