Berlin : An dem 1993 neu gegründeten Institut steht jetzt die erste Klasse vor dem Abschluss

Alexander Pajevic

Mittagspause - Höhepunkt des Schulalltages. Im Speiseraum herrscht das übliche Gedränge und Geschrei, wie es wohl zu einer jeden Schule gehört. Und doch ist hier etwas anders, die Jungen tragen Kippa und bei genauem Hinsehen erkennt man, dass auf der Jüdischen Oberschule in der Große Hamburger Straße in Mitte nach religiösen Vorschriften koscher gekocht wird - was allerdings auch Schokoladenüberraschungseier beinhaltet, die unter großem Beifall zum Nachtisch verteilt werden.

Von ihrem äußeren Erscheinungsbild würde - zumal im multikulturellen Berlin - wohl keiner der fast 300 Schüler auffallen. Sind es ganz normale Jugendliche, die diese 1993 am historischen Ort neu gegründete Schule besuchen? "Ich habe das nie in Frage gestellt, hierherzugehen - mit allen Vor- und Nachteilen", sagt der 21 Jahre alte David. Er ist in Israel geboren, hat in Brasilien gelebt und besucht seit 1994 die Berliner Jüdische Oberschule. David wird unter den 19 Schülern sein, die hier im kommenden Jahr erstmals wieder ihre Abiturprüfung ablegen.

Dass es im jetzigen dreizehnten Jahrgang nur wenige Schüler wie ihn gibt, die auch weiterhin Hebräisch und Jüdische Religionslehre - Pflichtkurse bis zum zwölften Jahrgang - belegt haben, hat eher profane Gründe. Die Fächer sind erst für den folgenden, mit derzeit 38 Schülern auch weitaus stärkeren Jahrgang als Prüfungsfächer zugelassen. Und da die Schüler ohnehin schon eine beträchtliche Stundenzahl absolvieren müssen, sind die meisten froh über jedes Fach, das sie abwählen können. "Jetzt wo das Angebot klarer strukturiert ist und die Prüfungsrelevanz eingeführt wurde, steigt auch das Interesse an diesen Fächern", meint jedoch Schulleiter Uwe Mull.

Doch einstweilen besuchen nur drei Schüler der Abitursklasse den Hebräischunterricht in einem kleinen Raum im Untergeschoß des weiß gestrichenen Gebäudes; zwei von ihnen sind auch die einzigen Teilnehmer des Religionsunterrichts. Auf den Fluren sind Informationen zu Israel an Pinnwänden angebracht, darunter auch eine Chronologie der Terroranschläge. Dass sie bei Schulantritt eine Sicherheitsschleuse passieren müssen, nehmen die Schüler kaum noch wahr. "Die Sicherheitsmaßnahmen wurden ja nie auf die Probe gestellt", sagt David. "Am Anfang haben wir sogar darüber gelacht". Auf dem Stundenplan steht ein Zeitungsartikel aus der israelischen Zeitung "Haaretz". Je nach Herkunft geht den Jugendlichen die Sprache beim Lesen und Diskutieren mit der Lehrerin unterschiedlich leicht von den Lippen. Neben dem Muttersprachler David sitzt Inna, zwanzig Jahre alt und im Ural geboren. Der achtzehnjährige Jonathan kommt aus Berlin. Die drei sind eine kosmopolitische, für das deutsche Judentum ihrer Generation nicht untypische Mischung.

"Eine jüdische Schule ist in Berlin noch lange nicht etwas Selbstverständliches", sagt Inna jedoch. Auch wenn es für sie selbst normal ist, diese Schule zu besuchen, wehrt sie sich dagegen, als Teil der oft beschworenen wiederhergestellten "Normalität" im deutsch-jüdischen Verhältnis vereinnahmt zu werden. "Die ist für die Deutschen normal, aber nicht für die Juden". Für Inna ist klar, dass sie in Israel studieren will, wo sie auch schon gelebt hat. Deshalb nutzt sie jetzt auch noch die Chance, ihr Hebräisch zu verbessern.

Sie hätte es sich sogar gewünscht, dass von der Schule - und auch von den Mitschülern - die religiösen Aspekte des Judentums stärker betont worden wären: "Vielen Schülern wäre es lieber gewesen, wenn sie auf eine staatliche Schule gegangen wären", sagt sie. "Wenn in Sachen Religion vom Elternhaus her nichts kommt, kann man nichts machen", meint eher skeptisch Jonathan, der schon auf die Jüdische Grundschule in Berlin gegangen ist. Auf eine Trennung zwischen kultureller und religiöser identität mag er sich nicht einlassen: "Judentum ist ja mit Religion verbunden", sagt er. Trotzdem nimmt Jonathan am Religionsunterricht nicht teil - allerdings nicht aus Desinteresse, sondern weil der Kurs nicht in seine Abiturplanung passt. David hat dagegen den Kurs weiterbelegt; obwohl er nicht religiös aufgewachsen ist, ist das für ihn einfach selbstverständlich. Als Israeli hat er keine Probleme, sich als Jude zu identifizieren: "Ich habe nie so richtig meine Identität gesucht, weil ich weiß wo ich hingehöre." Und so begreift er die Schule denn auch als jüdisch, wenn auch nicht als religiös - was er sich auch nicht wünschen würde. "Der nächste Schritt wäre dann, dass nichtjüdische Schüler nicht mehr auf die Schule kommen würden," sagt er. Seiner Meinung nach sollte sich die Schule sogar mehr öffnen. Etwa ein Drittel der Schüler ist derzeit schon nichtjüdischer Herkunft. Natürlich kämen sie, weil ihre Eltern es wollten, meint David, aber auch aus eigenem Wunsch. "Die nichtjüdischen Schüler sind viel aufgeschlossener als die jüdischen Schüler, etwas Neues zu lernen - auch wenn keiner von ihnen die religiösen Bräuche später praktizieren wird", meint er und Inna pflichtet ihm bei: "Sie tragen viel zur Toleranz bei - und das ist wichtig".

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