Berlin : An der Normalität gesägt

Im Theater an der Parkaue können Kinder bastelnd und bohrend ihren Alltag hinterfragen

Sonja Pohlmann

Jeden Morgen, wenn Morena Marquardt in ihrem Kinderzimmer in Friedrichshain aufwacht, blickt sie auf grün gestrichene Wände. Ihre Mutter wollte das so. Blau, sagt sie, sieht nicht gut aus auf so einer Wand. Dabei ist blau die Lieblingsfarbe von Morena. Und jetzt kann sie ihrer Mutter endlich beweisen, dass sie unrecht hat – mit einem selbst gebauten Haus. Es ist ein Wasserhaus: mit himmelblauen Wänden, einem Wasserfall und Fischen, die von der Decke baumeln.

Am liebsten würde die Elfjährige darin wohnen. Aber das Haus ist nur einen Kubikmeter groß, genau wie die anderen zehn Häuser, die um sie herum stehen. 11- bis 14-jährige Architekten haben diese Fantasiestadt geschaffen. Sie sind Teilnehmer der Winterakademie im Theater an der Parkaue, einer Ferienaktion für Kinder und Jugendliche in Lichtenberg. Zum zweiten Mal findet sie statt. Das Motto in diesem Jahr lautet „Sagen wir, normal ist anders.“

110 Kinder nehmen daran teil und beschäftigen sich mit Fragen wie „Was ist normal in meinem Leben?“ „Wie sieht es bei anderen Menschen aus?“ „Was bedeutet Alltag?“ „Mit der Akademie wollen wir die Wahrnehmung der Kinder schärfen und ihnen bewusst machen, dass ihre persönliche Normalität auch anders sein könnte“, sagt Claudia Hummel, Kuratorin der Akademie.

Wenn es nach Morena und ihren Freunden geht, dann ist es künftig völlig normal, dass eine Stadt wie Berlin aus tropischen Tierhäusern, Blumenwohnungen und Fußball-WGs besteht, die auf dem Dach ein Spielfeld haben. Architekt Mathias Heyden betreut die Gruppe und ist begeistert: „Architektur müsste ein Schulfach sein. Denn je mehr Menschen sich mit dem Thema beschäftigen, desto besser werden unsere Lebensräume aussehen“, sagt er.

Während die Nachwuchsarchitekten sägen und bohren, drehen andere Gruppen Filme, schneidern Kleider oder spielen Theater. So auch die Gruppe des Theaterpädagogen Imre Keserù, eines von vier Projekten, die im Rahmen von „Bipolar deutsch-ungarische Kulturprojekte“ stattfinden. 20 deutsche und ungarische Jugendliche spielen hier zusammen Improvisationstheater. Am Samstag ist ihre Show bei der Abschlusspräsentation der Winterakademie zwischen 16 und 19 Uhr zu sehen.

Theater an der Parkaue, Parkaue 29. Infos unter Tel. 55 77 520. Der Eintritt ist frei.

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