Berlin : An der Quasselstrippe

Ich erzähl dir was: Immer mehr Berliner versuchen sich als Radiomacher – mit so genannten Podcasts Die Sendungen mit typischen Stadtgeschichten kann sich jeder herunterladen

Anne Haeming

„Hier ist Frida“, sagt Frida vom Kurfürstendamm mit sonorer Stimme und bellt dreimal kräftig. Frida erzählt im Internet von Wilmersdorfer Witwen und typischem Berliner Hundekot-Ärger. Frida gibt es aber nicht nur digital. Sie wohnt wirklich am Ku’damm und ist eine Golden-Retriever-Hündin. Die Stimme gehört Volkmar Grieger, Fridas Besitzer, der Macher des Podcasts.

Podcast? „Das ist Radio zum Mitnehmen, sage ich immer, wenn ich es erklären muss“, sagt Volkmar Grieger. „Das Wort ist so hässlich, damit will sich keiner auseinander setzen.“ Podcasts bieten jedem die Möglichkeit, im Internet selber aktiv zu werden, ohne sich erst umständlich eine Homepage basteln zu müssen, ähnlich wie Weblogs, die Internettagebücher. Der grobe Unterschied: Weblogs sind zum Lesen, Podcasts zum Hören. Jeder kann diese digitalen Radiofolgen produzieren, auch Zeitungen und TV-Sendungen stellen mittlerweile ihre Beiträge als Podcast ins Internet. Die Szene beginnt langsam, sich zu formieren, aktuell sind es rund 2000 eingetragene Podcasts, einen Verband gibt es auch schon. Einige Berliner sind ebenfalls mit von der Partie: Ihre Podcasts erzählen typische Berliner Geschichten.

Griegers Idee, seine Retrieverhündin etwa den neuen Hauptbahnhof kommentieren zu lassen, mag gewöhnungsbedürftig sein. Den Hörern scheint die „Satire“, wie er es nennt, zu gefallen. „Frida kann ich Dinge sagen lassen, die ich als Privatperson nicht öffentlich artikulieren würde“, sagt Grieger. Fast jeden Tag nimmt er eine neue Folge auf, meistens aus dem Bauch heraus, zwischen drei Minuten und einer halben Stunde braucht er dafür. Anfang des Jahres ist er eher zufällig auf dieses Medium gestoßen und hat kurzerhand selbst damit angefangen.

Eine andere Podcast-Sparte stützt sich auf Expertenwissen. Claudia Marschners Seite „Berlin von unten“ gehört dazu. Sie ist eine „bunte Bestatterin“, in ihrem Podcast berichtet sie einmal pro Woche aus ihrem Berufsalltag. Über Trauerrituale, Besonderheiten von Urnenbestattung, bunte Särge. Die 40-Jährige steht für einen unverkrampften Umgang mit dem Tod, Eiche rustikal ist in ihrem Kreuzberger Geschäft nicht zu finden. Ein Freund hat sie vor anderthalb Jahren auf Podcasting aufmerksam gemacht, ihre prompte Reaktion: Eine originelle Idee, um vom Tod zu erzählen. „Software, Mikro, draufsprechen“, diese einfache Machart fasziniert sie. Jeden Sonntag aufs Neue. „Das geht ganz fix, alles aus dem Kopf, ohne Aufschreiben. Die ganzen Ähs und Hms schneide ich hinterher raus.“

Friedrich Witt muss das nicht selber machen. Er hat jemanden, der ihm „den Atem wegmacht“ oder kommandiert „letztes Wort nochmal“. Friedrich Witt ist 76, er war fast fünf Jahrzehnte lang Solo-Kontrabassist bei den Berliner Philharmonikern. Er hat keinen Computer, aber einen Sohn mit einer Softwarefirma. Vor etwa einem Jahr hatte der seinen Vater auf die Idee mit den Podcasts gebracht. Seit November hat Witt nun sechs Folgen von „Ein Kontrabass spielt (selten) allein“ eingesprochen. „Liebe Freunde“, sagt er immer zu Beginn, um dann enthusiastisch über die Zeit mit Karajan zu erzählen und darüber, was ein Kontrabassist im Orchestergraben so macht. „Eigentlich ist ein Podcast viel besser als ein Buch“, findet der Musiker. Noch dazu, wo etwa eigens eingespielte Mahler-Solos die gelesenen Kapitel unterbrechen. Ein „Nichtmusiker“ schwärmt auf der Webseite von Witts „wunderbarer Sprechstimme“, ein anderer will nun ein Konzert der Philharmoniker besuchen.

Was für den Streicher die Sinfonie, ist für Hunde wie Frida der Lärm der Großstadt. Eine blinde Hörerin aus Konstanz hat sich mehr Berlin-Geräusche gewünscht, die wird Grieger nun mit aufnehmen. Das Abfahrtsignal der Berliner U-Bahn kann so Karriere machen – als Melodie zum Mitnehmen.

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