Berlin : An die Harken, fertig, los

Stadtentwicklungsverwaltung startet die Aktion „Rettet unsere Kastanien!“ gegen die Miniermotte. Das Einzige, was hilft, ist fegen

Annette Kögel

Zwischen all dem gelben, roten und beigefarbenen Herbstlaub fallen die bräunlichen Kastanienblätter nicht mehr so unangenehm auf. Doch wer ein Blatt in die Hand nimmt und den braunen Fraßgang aufschneidet, kann die fünf Millimeter kleine Puppe der Miniermotte gut erkennen. Diesem Schädling wollen Stadtentwicklungsverwaltung, Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) und die Gartenbauämter jetzt wieder zu Leibe rücken: Mit der Fegeaktion „Rettet unsere Kastanie!“ Am Mittwoch nahm die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD), an der Kastanienallee im Tiergarten demonstrativ die Harke in die Hand.

Seit Ende der 90er gehört die „cameraria ohridella“ leider auch zum Berliner Stadtbild: der aus Osteuropa zugeflogene Schmetterling, dessen Larve sich jedes Jahr in bis zu vier Mottengenerationen durchs Grün der 48 000 weißblühenden Rosskastanie am Straßenrand frisst. Der Schmarotzer erzeugt aber nicht nur ein optisches Problem. Die Bäume können weniger Sauerstoff produzieren, Schatten spenden, Schadstoffe aufnehmen, verlieren Saft und Kraft. Und noch immer gibt es kein Mittel gegen den Mini-Schädling. Das Einzige, was hilft, ist Laub sammeln und entsorgen – und zwar bis zum letzten im Dezember fallenden Blättchen.

Denn in jedem Blatt überwintern bis zu 20 Puppen, und sie überstehen sogar Frostgrade bis zu dreißig Grad minus. „Wenn das Laub sorgfältig gesammelt wird, gelingt es aber, den Befall zum Frühjahr um zwei Drittel zu reduzieren“, sagt Frau Junge-Reyer. Das Laub wird in Brandenburg bei mindestens 55 Grad kompostiert, um die Motte abzutöten. Die Firma Ströer stellt nun wieder berlinweit Flächen im Wert von 200 000 Euro zur Verfügung, auf 660 Plakaten werden die Berliner aufgefordert mitzutun. Wenig Sinn macht es, auf den großen Straßen zu fegen – hier ist die BSR im Zwei-Schicht-Betrieb unterwegs. Auch ABM- und Ein-Euro-Jobber werden helfen. Doch gerade in den „C-Straßen“ – unbefestigte Wege in den Außenbezirken, in denen die Anrainer keine BSR-Gebühren zahlen – ist Engagement der Anwohner gefragt. Zudem sollten Berliner in Hinterhöfen zur Harke greifen. Wer in Grünanlagen fegt, sollte dem Gartenbauamt Bescheid sagen. Viel Einsatz bringen Schulen und Kitas – die Bildungsverwaltung hat sie gerade mit wichtigen Infos per Rundschreiben versorgt.

Unterdessen forscht das Pflanzenschutzamt weiter zu Mitteln gegen die Motte. Am erfolgversprechenden sind Sexuallockstoffe in Fallen mit tödlichem Gift sowie die Schlupfwespe als natürlicher Fraßfeind. Doch schon machen den Naturkundlern weitere Phänomene sorgen: Die Linde ist von der Lindenminiermotte bedroht. Und, noch schlimmer: von der wolligen Napfschildlaus. Die kann man noch nicht mal wegfegen, weil sie den Baum an der Rinde aussaugt.

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