Analog-Flirten im Wedding : Liebesgrüße aus Istanbul

Im Wedding werden Freundschaftsanfragen noch analog verschickt. Hin und wieder auch tief in der Nacht und direkt durchs offene Fenster.

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"I love you angel": Nächtliche Liebesbotschaft in Berlin-Wedding
"I love you angel": Nächtliche Liebesbotschaft in Berlin-WeddingFoto: Melanie Berger

Eine Spätsommernacht gegen null Uhr. Das Licht ist schon aus in der Weddinger Zweier-WG im dritten Stock. Die Augen sind zu. Alles ist ruhig. Da durchbricht ein Geräusch die nächtliche Stille. Ein dumpfer Schlag.

Ich hebe den Kopf, schaue mich um. Mein Blick wandert durch das Halbdunkel meines Zimmers, über die Schemen der Möbelstücke im schwachen Mondlicht.

Der erste Gedanke: Vielleicht ist was aus dem Regal gefallen oder vom Schreibtisch?

Erstmal weiterschlafen. Einige Minuten vergehen. Dann: ein dumpfer Schlag. Schon wieder.

Also Licht an, Brille auf. Verschlafen und verwirrt blicke ich suchend durch den Raum. Vom Schreibtisch über die Couch geht mein Blick, bis er an einem kleinen, weißen Knäuel am Parkettboden hängenbleibt.

Was zur ... ?

Barfuß tappe ich zum Couchtisch, unter dem das weiße Etwas liegt. Außen Papier. Innen spüre ich etwas Härteres, Schwereres. Umwickelt ist das Päckchen mit gelbem Klebestreifen. Jemand hat mit schwarzem Stift "I love you Angel" darauf geschrieben. Unter der Verpackung kommt ein Teelicht zum Vorschein. Rosarot, mit Waldbeerenduft. Unter den Docht geklemmt: noch mehr Papier. Eine Nachricht.

Der Absender hat mit schwarzem Filzstift eine kryptische Hotmail-Adresse und eine Botschaft zusammengekritzelt: "Ad Please Facebook. I love You Angel", steht da, dazu noch ein selbstgemaltes Herz.

Ich schaue zu den offenen Flügeln des alten Doppelfensters. Weiße Farbe blättert an den Seiten ab. Darunter liegt der Innenhof. Ich stecke den Kopf aus dem Fenster. Nichts bewegt sich, alles ist still. Als ich einen Schritt zurück mache, sehe ich unter der Fensterbank ein zweites weißes Paket auf dem Zimmerboden.

Wieder ein Teelicht, diesmal eingewickelt in ein Taschentuch, darin exakt dieselbe Nachricht noch einmal. Erst verdutzt, dann neugierig tippe ich die Mailadresse schließlich in den Suchbalken bei Facebook ein. Es erscheint das Profil eines Jungen oder eines Mannes mit angegebenem Wohnort Istanbul. Auf dem Profilbild ist die Figur Wolverine aus der Filmserie X-Men zu sehen. Er ist mit vielen jungen Mädchen befreundet. Es gibt aber keine Fotos, auf denen er zu sehen ist.

Immerhin eine sportliche Leistung

Ich drehe und wende die beiden Zettel. Im Schein der Nachttischlampe tauchen weitere Worte auf einem der beiden Papierfetzen auf. Mit dünnen Bleistiftstrichen steht dort "Focus. What do we want to achieve in this session?" Dazu Teile von Fragen nach dem eigenen Interesse, der eigenen Motivation. Einen Sinn ergibt das alles nicht.

Ein Dumme-Jungen-Streich? Eine ernst gemeinte Liebesbotschaft? Vielleicht doch nur ein paar Kids aus der Nachbarschaft. Immerhin eine sportliche Leistung, die schweren Packen von unten durch mein Fenster im dritten Stock zu werfen.

Ich grübele noch lange, und irgendwann schlafe ich ein.

Noch Tage später ertappe ich mich dabei, dass ich die Leute rings um unseren Hauseingang beobachte. Wenn ich jemanden in Innenhof höre, luge ich vorsichtig aus dem Fenster. Wenn es offen steht, frage ich mich, was denn noch alles so da durchgeflogen kommen könnte.

Wünsche ich mir insgeheim, dass noch mal eine Botschaft kommt?

Es kommt nichts mehr geflogen. Die Nächte bleiben ruhig.

Wenige Wochen später ist das Facebook-Profil nicht mehr aufzufinden. Die Teelichter stehen auf dem Couchtisch und verbreiten warmes Licht und guten Duft.

Die weißen Nachrichtenzettel liegen in der Schreibtischschublade.

Die Fenster bleiben jetzt nachts zu. Der Winter kommt.

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