Berlin : Analphabeten sind unerwünscht

Jeannette Goddar

Die Tücken der "Verdauungsarbeit" - Vor der Einbürgerung steht der neue SprachtestJeannette Goddar

Wer Deutscher werden will und nicht mindestens vier Jahre lang eine deutsche Schule besucht hat, muss sich künftig an Berlins Volkshochschulen einem einheitlichen Sprachtest unterziehen. Die Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) und Schulsenator Klaus Böger (SPD) haben das Verfahren, das ab morgen zunächst in sieben Bezirken erprobt wird, gestern vorgestellt.

Über die Notwendigkeit, die Sprachkenntnisse flächendeckend und einheitlich zu überprüfen, waren sich die Senatsverwaltungen für Inneres und Schule einig. "Wer Staatsbürger unseres Landes werden will", so Böger, "muss und soll nicht seine kulturelle Identität ablegen, aber er muss in der Lage sein, in diesem Land zu kommunizieren."

Abgefragt werden das Leseverstehen sowie die mündliche Ausdrucksfähigkeit. Auf die Prüfung, ob der Einbürgerungsbewerber auch in deutscher Sprache schreiben kann, habe man verzichtet, so Böger: "Es geht nicht darum, fast literarische Fähigkeiten zu testen, sondern um Situationen des alltäglichen Lebens." Zumindest in Bayern wird nach wie vor erwogen, künftig auch das Schriftdeutsch zu überprüfen.

Der Berliner Test, der von der Schulverwaltung und den Volkshochschulen entwickelt wurde, besteht aus mehreren Teilen: Dem Bewerber wird ein Zeitungsartikel mit etwa 120 Wörtern vorgelegt - im vorgelegten Modelltest zu dem Thema "Öffentliches Rauchen ist in Indien illegal", zu dem mehrere Verständnisfragen mit ja oder nein beantwortet werden müssen. Zumindest eine der Fragen in dem Modellfall lässt sich auch gut mit gesundem Menschenverstand beantworten: "Eine Schachtel Zigaretten kostet in Indien ungefähr 21 Mark" - ja oder nein?

Weiter müssen ein Text mit einer Überschrift versehen, ein Foto beschrieben sowie Gesprächssituationen à la "Planen Sie einen Einkaufsbummel" konstruiert werden. Auf besonders einfache Wortwahl wurde offenbar nicht geachtet; so tauchen auch Vokabeln wie "Verdauungsarbeit" und "Organismus" auf. Wer unter 60 Prozent der Punkte erreicht, ist durchgefallen und wird vorerst nicht eingebürgert, kann den Test aber jederzeit wiederholen. Ein Test kostet 30 Mark.

In der Praxis ist noch unklar, ob in ganz Berlin künftig einheitliche Anforderungen gestellt werden. So wird der Einbürgerungsbeamte zunächst überprüfen, ob die geforderte Schulbildung vorliegt - ersatzweise auch ein Zertifikat über einen erfolgreich besuchten Mütterkurs. Bei Nichtvorliegen bleibt ihm aber auch die Option, eigenmächtig zu entscheiden, ob sein Gegenüber genug Deutsch spricht, um nicht an die Volkshochschulen überwiesen zu werden. In den Bezirken ist man auf den Einsatz des Tests vorbereitet; mit Kapazitätsproblemen der Volkshochschulen rechnet man nicht, auch weil die jüngere Generation in der Regel vier Jahre auf deutschen Schulen war. "Wir nehmen an, dass das reibungslos vonstatten geht", erklärte Weddings Ausländerbeauftragte Petra Mikoleit. Fraglich sei allerdings noch, wie man mit vor allem in der ersten Generation häufiger vertretenen Analphabeten umgehen solle. Böger: "Analphabeten werden bei uns nicht eingebürgert." Stattdessen solle ein Anreiz geschaffen werden, "auch diese schwere soziale Behinderung loszuwerden". Kritisiert wurde das von Kenan Kolat, Geschäftsführer des Türkischen Bundes: "Man kann als Analphabet einen Führerschein machen, aber nicht Deutscher werden." Die Grünen forderten eine Beschränkung auf mündliche Tests.

Sowohl der Schulsenator als auch der Leiter der Neuköllner Volkshochschule, Leopold Bongart, verwiesen auf die "zahlreichen Angebote" an Sprach- und Alphabetisierungskursen. Bongart: "An unserer VHS kosten 240 Stunden 45 Mark; und man sollte auch den Willen zum Spracherwerb nicht unterschätzen." Kolat kündigte an, der TBB werde für die Sprachtests spezifische "Trainingskurse" einführen.

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