Analyse und Debatte : Von wegen abgehängt: Der Westen holt wieder auf

Erst das Schillertheater, dann der Bahnhof Zoo, nun das ICC – West-Berlin fürchtet um sein Erbe. Zu Unrecht, denn mit Mitte wird es zum neuen Zentrum. Und was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Bitte nutzen Sie dazu die Kommentarfunktion unter diesem Text.

Christoph Stollowsky
Der Himmel über Berlin Foto: dpa
Der goldene Westen? Diskutieren Sie mit!Foto: dpa

Am Freitag ist an der Tauentzienstraße, an Ku’damm und Savignyplatz die West-Berliner Welt noch in Ordnung. Nachmittags gibt’s keinen Platz mehr zum Treten beim Shopping, um Mitternacht finden selbst Smart-Fahrer keine Parklücke mehr unter den Laubbäumen des gründerzeitlichen Stadtplatzes. Im Kiez drum herum alles rappelvoll. In der „Paris Bar“ wird opulent getafelt, im „Zwiebelfisch“ läuft es gleichfalls wie seit Jahrzehnten: Junge Nachtschwärmer verdrücken Buletten, alteingesessene Linksintellektuelle debattieren, was das Zeug hält. Auch West-Berlins „Raumschiff“, das Internationale Congress Centrum (ICC) an der Messe, dessen Abriss erwogen wird, beschäftigt heftig die Runde. Wäre der Abbruch ein weiterer Schritt zum Kahlschlag West? Wird der alte Westen plattgemacht, sein Erbe verschleudert?

Die Ansichten sind so deutlich geteilt wie einst die Stadt. Siegfried Kracauer, Feuilletonist der 20er Jahre, wird zitiert: „Zur Gräberstätte ist der Berliner Alte Westen geworden“, schrieb er angesichts der Weltwirtschaftskrise.

Und heute? Es ist ja wahr. Seit der Wende fand der allmähliche Abschied von Symbolbauten und Institutionen der West-City kein Ende. Der Bahnhof Zoo abgehängt, Deutschlandhalle und Ku’damm-Bühnen bedroht, der Flughafen Tempelhof verloren, das Schillertheater abgewickelt, das Café Möhring am Kurfürstendamm 213 dicht. Und im Zooviertel wurde jahrelang lieblos herumgedoktert ohne sichtbaren Heilungsprozess, so dass man die Bahn jüngst nur knapp bremsen konnte, im Bahnhof Zoo Spielhallen anzusiedeln. Hinzu kommt, dass viele, die West-Berlin ein Gesicht gegeben haben, gestorben sind. Die Knef, die Mira, Juhnke, Pfitzmann, Buchholz. Wenigstens Nachtclub-Urgestein Rolf Eden fährt noch mit seinen Luxusautos den Ku’damm rauf und runter.

Dies alles schmerzt, zumal dem Westen seit dem Aufbau Ost das Image anhängt, verstaubt zu sein. Die Regierungen sitzen in Mitte und feiern bevorzugt in der City Ost – was Ressentiments schürt. Die Architekten des 1979 eröffneten ICC, Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler, drückten es jüngst gegenüber einer Boulevardzeitung so aus: „Der ICC-Abriss wäre Rache für den Palast der Republik.“ „Totaler Quatsch“ kontern einige in der „Zwiebelfisch“-Runde. „Wer zurückhasst, setzt die Trennung fort.“ Geboten sei, nüchtern im Interesse der gesamten Stadt zu bewerten, „so, wie es in anderen Metropolen schon immer normal ist“. Was rechnet sich? ICC-Abbruch und Neubau oder Sanierung?

Berlins ehemaliger Kultursenator Thomas Flierl sieht das ebenso. Obwohl der geborene Ost-Berliner und heutige Stadtplanungssprecher der Linken im Abgeordnetenhaus es „gefühlsmäßig bedauern würde“, wenn das ICC verschwände. Er sieht es „als Zeugnis der besonderen Geschichte West-Berlins“. Der Westen der Stadt entwickle ganz ungerechtfertigt Minderwertigkeitsgefühle, sagt Flierl. West-Berlin könne doch stolz sein „auf all seine historischen Leistungen“.

Daran hat der Chef eines der traditionsreichsten West-Berliner Unternehmen, Jörg Woltmann, keinen Zweifel. Der Geschäftsführer der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin (KPM) am S-Bahnhof Tiergarten legt ein Glaubensbekenntnis zum Westteil ab. Und das nicht nur, weil die Viktoria auf der Siegessäule in seiner Nähe weiter hoffnungsvoll gen Westen blickt. Von wegen plattgemacht. „Die West-City ist schon längst wieder kräftig im Aufbruch“, sagt Woltmann und prophezeit eine Renaissance. Das zeigten schon die „stark steigenden Besucherzahlen“ im KPM-Ausstellungszentrum.

Auch Ekkehard Band (SPD), langjähriger Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, hält nichts vom „Kahlschlag-Gerede“. Vor ihm im Rathaus Schöneberg stapeln sich Akten auf dem gleichen Schreibtisch, an dem einst die Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter, Willy Brandt oder Eberhard Diepgen arbeiteten. „Als der Ost-Berliner Fernsehturm vor 40 Jahren eingeweiht wurde, forderten West-Berliner Schlagzeilen: ,Lasst uns einen noch höheren Turm bauen!‘“, erzählt Band. An diese Geisteshaltung erinnern ihn die aktuellen Klagen. Der Westteil habe doch vom Aufbau Ost profitiert. „Die Stadt hat mehr Anziehungspunkte und dadurch mehr Besucher denn je gewonnen. Die strömen auch zu uns.“ Im Übrigen habe man im Bezirk seit der Wende schon erfolgreich investiert. Auf den einstigen Brachen am Sachsendamm ziehen heute Ikea und Bauhaus Hunderttausende an. Der verlotterte Hafen Tempelhof wurde als Shopping-Center neu eröffnet.

Bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung spricht man bereits von einem „Aufbau West“. „Im Ostteil gab es eben nach der Wende viel Heruntergekommenes und vor allem: die sanierungsbedürftige historische Mitte mit ihren baulichen Schätzen“, heißt es. „Das alles mussten wir instand setzen.“ Diese Phase sei nun fast abgeschlossen, weshalb künftig wieder mehr Gelder in den Westen fließen könnten. Über eines müsse man sich dort aber endgültig klar sein. „Die West-City ist nicht mehr das alleinige, sondern mit Mitte ein neues großes Zentrum.“

Wie zum Trost legt der Experte für Städtebauprojekte der Behörde, Manfred Kühne, eine lange Liste auf den Tisch. Schon verwirklichte oder geplante Bauprojekte im Westteil stehen darauf: Die ausgebauten Shopping-Zentren Schloss- und Wilmersdorfer Straße, das Riesenrad am Zoo, der Neubau des Zoobogens oder der Masterplan für den Ausbau des Geländes der Technischen Universität (TU). Hier soll ein Innovationszentrum wie in Adlershof entstehen. Und auch der Neubau des „Zoofenster“-Hochhauses am heruntergekommenen Areal des abgerissenen Schimmelpfeng-Hauses ist ein wichtiger Punkt. Alte Sichtachsen wurden dort wieder geöffnet. „Ein solcher Neubau ist doch eine Bereicherung“, sagt Kühne.

Optimismus versprüht auch die Berlin Tourismus-Marketing (BTM) und belegt das mit „ individuellen Hotels“, die im Umfeld des Ku’damms eröffneten. Wie das „Axel“-Hotel an der Lietzenburger, das die homosexuelle Szene anspricht. Oder das bei Filmleuten beliebte „Concorde“ an der Augsburger. „Kämen die hierher, wenn die West-City out wäre?“

Dass Ku’damm und Tauentzien auch weiterhin in puncto Umsatz die Einkaufsmeile Nummer 1 sind, betont die AG City West. Und für viele, die sich in West-Berlins Kulturszene tummeln, ist die einstige Inselstadt keineswegs verpieft. Ob Holger Klotzbach von der „Bar jeder Vernunft“, Stadtlandschaftsmaler André Krigar in Steglitz oder Modedesignerin Anna von Griesheim – sie alle zählen ungewöhnliche Lokale und Läden auf, die eröffneten: Die „Puro-Lounge“ oben im Europa-Center, die Liegesessel-Lounge im Kino-Astor, die Musicalschule „Stage Factory“ in den Friedenauer Goerzhöfen. Und Kulturbeflissene im Ostteil wie Ex-Senator Flierl stimmen zu. Auch er schätzt den „neuen Westen.“

„Schräge Vögel gibt es in ganz Berlin“, sagt Anna von Griesheim in ihrem Studio an der Pariser Straße. Die West-City findet sie manchmal „gelassener und offener“ als das hippe Prenzlauer Berg. „Am Kollwitzplatz, da herrscht doch inzwischen ein extremer Dresscode.“

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