Berlin : Anastasia Vogt, geb. 1920

Torsten Hampel

Die Buhnen an der See, die in den Sand gerammten Baumstämme vor den Stränden der Seebäder - mal sind sie an der Luft, bei Flut gehören sie dem Meer. Das macht sie mürbe.

Anastasia Vogt hat, ohne sich vom Fleck zu rühren, drei Mal die Staatsbürgerschaft gewechselt. Damit so etwas gelingt, muss eine Grenze, eine Linie, die sie auf Landkarten in Lagezentren planen, nur oft genug verschoben werden. Auf den Karten ändert sich dann die Farbe. In der Welt wechseln die Pässe und die Regierung, das Geld sieht anders aus, und auf den Ämtern wird eine neue Sprache gesprochen. So war das in Bromberg, der Stadt, die seit über 50 Jahren wieder Bydgoszcz heißt.

Auf einem Gutshof, 50 Kilometer nordöstlich der Stadt, wird Anastasia Vogt geboren. Die Gegend ist hügelig, eine Moränenlandschaft. Die Weichsel schiebt sich durch die Wiesen, Wälder rauschen, und in der Großstadt Bromberg lärmen die Sägewerke und Möbelfabriken. Das Standesamt stellt Anastasia eine deutsche Geburtsurkunde aus.

Das Deutsche Reich war groß und wollte noch größer werden, weit in den Osten hineinragen und seine Nachbarn überrennen. Als Anastasia 1920 auf die Welt kommt, hat es seine erste Strafe dafür schon erhalten. Bromberg ist seit einem Jahr wieder polnisch, nach fast 150 Jahren Preußenherrschaft - in Versailles haben sie es so ausgehandelt. Drei von vier Stadtbewohnern sind Deutsche, sie verlassen allmählich die Stadt. Zwanzig Jahre später, 1939, ist es noch jeder Zehnte. Dennoch kommen die Deutschen noch vor im öffentlichen Leben, sie besitzen Häuser und Fabriken. Es gibt ein deutsches Kasino, deutsche Theater und Orchester.

Zu Kriegsausbruch am 1. September 1939 macht Anastasia sich mit ihrem Vater auf den Weg nach Warschau. Er ist ein aufrechter Beamter, der in der Hauptstadt Akten vor der anrückenden Wehrmacht in Sicherheit bringen will. Als die beiden zwei Tage später zurückkehren, müssen sie einen Wahnsinn ansehen, der als Bromberger Blutsonntag zu einer Weltkriegslegende werden soll. Bis heute erzählt man sich zwei Versionen davon. Selbst eine deutsch-polnische Historikerkommission hat sich nicht darauf einigen können, was wirklich geschah.

In den polnischen Schulbüchern steht, dass Patrioten einen Aufstand von Nazi-Agenten niedergekämpft hätten, die die Stadt noch vor der Wehrmacht unter deutsche Kontrolle bringen wollten. Deutsche Bromberger erzählen , dass polnische Kommandos wahllos Deutsche aus ihren Wohnungen geholt und gelyncht hätten. Die Nazis versuchten mit dem Blutsonntag nachträglich den Überfall auf Polen zu rechtfertigen. In Polen legitimierte man später die Vertreibung der Deutschen mit der Bluttat. Insgesamt wurden 3000 Menschen umgebracht. Darunter war der jüdische Besitzer des Bekleidungsgeschäftes, in dem Anastasia als Verkäuferin arbeitete. Sie hat gesehen, wie sie ihn auf die Straße gezerrt und erschossen haben. Zwei Tage danach war die Wehrmacht in der Stadt. Anastasia bekam einen neuen Pass.

Ihre Mutter hat es nie verstanden, sagt Anastasias Tochter heute, wie es dazu hat kommen können; warum sich die deutschen und die polnischen Bromberger, die Jahrhunderte lang gut miteinander auskamen, gemeinsam tanzen gingen und Geschäfte machten, warum die sich von einem Tag auf den anderen hassten und töteten.

Anastasia heiratete 1941. Drei Jahre danach kam wieder eine Grenze auf sie zu; die Ostfront rückte näher. Als die auf ihrem Weg nach Berlin vorübergezogen war, lag Stettin, die Stadt, in der die Vogts jetzt lebten, in Trümmern. Stettin ging nach dem Krieg an Polen und hieß nun Szczecin. Die Deutschen mussten jetzt Acht geben, sie waren nicht gut gelitten. Anastasias Tochter wurde gehänselt in der Schule, weil ihr Name ein deutscher war. Wer in der Straßenbahn Deutsch sprach, flog raus.

Die Vogts mieteten eine schöne Wohnung im dritten Stock eines mächtigen Gründerzeithauses, die Zimmer waren groß, die Decken hoch. Vor den Fenstern standen dicke Bäume und es gab Dienstboten. In ihrer Privatinitiative, so nannte man im sozialistischen Polen die Firmen, die nicht im Volkseigentum waren, bauten die Vogts Kühlanlagen zusammen. Die Schlachthöfe in Warschau und Szczecin bestellten reichlich Kühltechnik und die zwei Garagen, in denen der Betrieb zu Anfang untergebracht war, wurden bald zu eng.

1956, Stalin war tot, und in Polen war Tauwetter, konnte Anastasias Mann mit der älteren Tochter zu einem Besuch nach Dortmund fahren. Dass er dort blieb, war mitAnastasia nicht verabredet. Die Firma wurde aufgelöst, sie hat sich eine Arbeit suchen müssen. Bei einer Agrargenossenschaft führte sie die Bücher und war dafür zuständig, dass jeder Genossenschaftler regelmäßig eine Prämie bekam. Sie musste eine Familie in ihrer Wohnung aufnehmen und mit der jüngeren Tochter ins Schlafzimmer ziehen.

In den letzten 50 Jahren ist Ruhe eingekehrt in Mitteleuropa, die Grenzen blieben, wo sie waren. Die deutsche Polin Anastasia Vogt hat trotzdem noch zweimal die Seite gewechselt. 1980 stieg sie in Poznan in den Zug von Moskau nach Paris und fuhr damit nach Köln. Die Einbürgerungsprozedur im Auffanglager dauerte nur einen Tag - dank der deutschen Geburtsurkunde.

Nach Berlin ist sie 1995 gezogen und lebte seitdem bei ihrer Tochter in Zehlendorf. Sie sagt, ihre Mutter sei sehr gern in der Berliner Philharmonie und in der Oper gewesen. Begraben lassen mochte sie sich hier aber nicht. Sie liegt nun auf dem Stettiner Zentralfriedhof.

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