Berlin : Anderswo ist Posemuckel

Die Hauptstadt zwischen objektiver Verschmutzung, ästhetischer Verschandelung und den Zeichen der Armut. Von Bernhard Schulz

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Tempo, Hektik, Lärm, Bauwut, Veränderung allenthalben, durchaus auch Ellenbogen, ja Rüpelhaftigkeit: Wie oft sind in Berlin diese Elemente der Metropole beschworen worden! Gerade auch in den Jahren der Teilung Berlins, um der geschundenen Stadt einen Anschluss an ihre zerbrochene Tradition der Moderne zu sichern. Der Blick zurück in die Weimarer Republik hilft, die gegenwärtige, selbstkritische bis selbstzerfleischende Diskussion über das Äußere der Stadt zu relativieren. Nein, die Zwanzigerjahre mit ihrer materiellen Not, dem Elend ihrer Mietskasernen und krank machenden Übervölkerung sollen beileibe nicht weichgezeichnet werden. Doch über manche Erscheinungsformen des Großstädtischen, gerade und nur in Berlin, gab es ein positives Einverständnis, das uns Heutige zur Verklärung drängt.

Wie oft wurde in den Jahren der Nachkriegsteilung Berlins beklagt, dass der einstmals so urbane Raum an den Brennpunkten der Stadt ruhig geworden sei, bisweilen gar verwaist! Man muss nicht nur an den mauerzerschnittenen Potsdamer Platz denken, um den Abstand auszumessen, den Berlin mittlerweile von jenen Jahren oft nur gekünstelter Urbanität gewonnen hat. Wer Berlin in seinen beiden Stadthälften vor dem Mauerfall gut gekannt hat, wird mit einem Grundgefühl der Beglückung sehen, wie sich die Stadt heute darbietet. Das heißt durchaus nicht, den Blick für Entstellungen, Auswüchse, Verrohungen zu verlieren. Die tagtäglich wachsende Normalität der vereinten Stadt erlaubt es nicht nur, sie fordert es auch, den Blick unverstellt auf das Hier und Heute zu richten. Nur darf im Urteil darüber die Kenntnis dessen mitschwingen, aus welchen historisch einmaligen Bedingungen sich dieses Hier und Heute entwickelt hat.

Es bedeutet zugleich, den Blick dafür zu schärfen, wo die Trennlinie zwischen objektiver, messbarer Verschmutzung und subjektiver, ästhetischer Verschandelung verläuft oder, besser gesagt, zu ziehen ist. Da kommt Wowereits Spruch „arm, aber sexy“ ins Spiel. Denn „arm“ ist die Stadt tatsächlich. Es ist jedoch die Aufgabe der Politik, das Mindestmaß an Instandhaltung und Pflege, auch an Schutz und Bekämpfung zu definieren – und alsdann in Verwaltungshandeln umzusetzen –, das dem öffentlichen Raum zuteil werden soll. Sind Schlaglöcher im Straßenbelag bereits der Anfang der Verwahrlosung? Berechtigen überquellende Papierkörbe zu ungehemmtem Wegwerfen? Animiert beschädigtes Stadtmobiliar zu Vandalismus? Das alles bezeichnet Standards des Öffentlichen, die sich das Gemeinwesen selbst setzen muss – einschließlich der Grenzen, jenseits derer ein Straftatbestand beginnt, der dann auch mit Konsequenz durchgesetzt werden muss, soll er nicht zum Paradigma staatlicher Lächerlichkeit verkommen. „Zero Tolerance“, eine Zeit lang als amerikanisches Zaubermittel bewundert, hat seine messbaren Erfolge – freilich um den Preis, dass auch der unbescholtene Bürger beim lässlichen Fehltritt an die Kandare genommen wird. Darüber kann und muss gestritten werden, auf der Ebene der Politik und der Parlamente. Fest steht, dass die Überwachung und Einhaltung gesetzlich sanktionierter Normen eben nicht an einen nebulösen Bürgersinn zu delegieren sind, der neuerdings als Reparaturservice für alle Defizite staatlichen Handelns beschworen wird.

Davon zu unterscheiden ist die ästhetische Zumutung, die die Großstadt beständig neu und anders hervorbringt. Als elektrische Straßenbeleuchtungen und Reklameschriften in den Zwanzigerjahren üblich wurden, galten sie den einen als Befreiung vom natürlichen Tageslauf, den anderen umgekehrt als dessen Vernichtung. „Die Nacht zum Tage machen“ – diesen Spruch aus Volkes Mund kann man Jüngeren schon kaum noch verständlich machen, geschweige denn, dass sie die darin versteckte Mahnung akzeptierten. Oder man betrachte die Volksbelustigungen durch Open-Air-Konzerte oder Jahrmärkte mitten in der Stadt, samt ihrem heute unvermeidlichen Korrelat in Gestalt riesiger Werbebanner sogenannter Sponsoren. Gegen die schreiend bunte Berümpelung des öffentlichen Raums zu protestieren, fällt dem bürgerlichen Auge leicht. Doch der Geschäftsmann im Bürger regt sich sofort, wenn es um die profitable Reklame geht, die doch dem wirtschaftlichen Wohlergehen dient.

Was dem einen sin Uhl, ist dem anderen sin Nachtigall – in dieser Volksweisheit steckt der Kern der Auseinandersetzung in demokratischen Gemeinwesen. Im öffentlichen Raum prallen konträre Ansichten und Normen deshalb so heftig aufeinander, weil sie unmittelbar sinnlich wahrzunehmen sind. Der Verstärkerlärm von Freiluftbühnen, der dem einen den Besuch des Tiergartens vergällt, ist dem anderen Musik, die ungezwungen dargeboten wird. Die Rauchschwaden, die sommers Grünanlagen durchziehen, sind dem einen abstoßender Gestank, dem anderen der Duft großfamiliären Zusammenseins. Die Beispiele ließen sich endlos vermehren – bis hin zum Urberliner Standardthema der Hundehaufen. Welchen Volkszorn deren Sanktionierung hervorruft, lässt sich zuverlässig an den Schlagzeilen der Boulevardpresse ablesen.

Ja, die Demokratie ist eine schwierige Staatsform. Sie gewährt jedem (Stimm-) Bürger das gleiche Mitspracherecht. Sie hat, im Verein mit dem ökonomischen Wachstum, zu jener „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ geführt, die unser Gemeinwesen über lange Zeit hinweg geprägt hat. Das gilt eben nicht nur materiell, sondern auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Normen.

Es gilt leider gleichermaßen für deren Abbröckeln, das zu jenen Zuständen von Verwahrlosung und Vandalisierung geführt hat, die mittlerweile das Bild Berlins insgesamt und nicht länger nur in seinen „Problembezirken“ kennzeichnen. Vom Akzeptanzverlust der Normen ist der materielle Niedergang nicht zu trennen. Zugespitzt ausgedrückt: Wer von privater Armut nicht sprechen mag, soll von öffentlicher Verlotterung schweigen. Ein Gemeinwesen, das die gesellschaftspolitische Katastrophe achselzuckend hinnimmt, dass die Zahl der Empfänger staatlicher Transferleistungen in Berlin mittlerweile die Zahl der Verdiener von Arbeitseinkommen übersteigt, kann sich nicht länger mit bloßer Empörung über das Erscheinungsbild der Stadt hinweglügen. Soll etwa das – neudeutsche – „Prekariat“ jenen tatkräftigen Bürgersinn zeigen, den die schrumpfende Arbeitsgesellschaft zur Aufrechterhaltung des städtischen Erscheinungsbildes fordert, sich aber qua staatlichem Handeln nicht länger leisten kann? Berlin als Brennpunkt von Zukunftsentwicklungen zeigt – durchaus auf erschreckende Weise –, wohin der Zerfall der durch Arbeit integrierten Wohlstandsgesellschaft führen wird. Armut – als Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe – ist keine Ausrede für Verrohung und Vergammelung, wohl aber eine Ursache, die zu übersehen nur von Dünkel zeugt.

Die Unterschicht lediglich als Kulturproblem zu bezeichnen, als Produkt von Billigfernsehen und Discount-Konsum, zielt haarscharf daneben. Da werden Ursache und Wirkung verwechselt. Keine noch so große – und bitter notwendige – Bildungsanstrengung kann kompensieren, was an gesellschaftlichem Zusammenhalt und damit an Wertevermittlung durch die rapide Auflösung der Arbeitswelt verloren geht. Berlin allein kann die Entwicklung einer anderen, nicht länger durch das Dioskurenpaar von Arbeitseinkommen und Konsumverhalten strukturierten Gesellschaft nicht leisten. Aber es bündelt wie im Brennglas die Problematik, die Deutschland im Ganzen erfasst. Dies im Auge zu behalten, bringt die Erregung über den Zustand der Stadt auf einen sachbezogenen Boden zurück – und eröffnet einen realistischen Blick darauf, was getan und durchgesetzt werden kann.

Bleibt noch der zweite Bestandteil von Wowereits Spruch: „sexy“. Es ist bemerkenswert, dass Berlin – und zwar so, wie es ist, und nicht, wie es vielleicht sein sollte – eine enorme Anziehungskraft ausstrahlt. Ein Drittel der Bevölkerung ist seit der Wende neu in die Stadt gekommen, ein Gutteil davon aus Gegenden, in denen feinere Tugenden gelten als an der Spree. Ein Gutteil von ihnen kam, eben weil Berlin so ist, wie es seine Kritiker schelten. Die schwäbische Kehrwoche bringt saubere Bürgersteige hervor – und ist womöglich ein Grund, warum Schwaben die kopfstärkste Landsmannschaft Berlins bilden.

Es gehört zur Dynamik der Stadt, dass die Formen und Normen des Zusammenlebens immer wieder neu justiert werden müssen. Sisyphos ist der Prototyp des Großstädters. Anderswo ist Posemuckel.

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