Berlin : Andrea Theißen: Burgherrin und Präsidentin zugleich

Rainer W. During

Spandau. Auf dem Schreibtisch piept das Handy. Normalerweise schaltet Andrea Theissen ihr Mobiltelefon vor Besprechungen ab. Doch heute hat Sohn Hendrik - gerade 18 geworden - seine Fahrprüfung. Das erlösende "Bestanden" tönt aus dem Apparat, doch viel mehr Zeit als für eine kurze Gratulation bleibt nicht. Denn die Spandauer Kunstamtsleiterin tanzt auf vielen Hochzeiten. Unter anderem ist sie Hausherrin auf der Zitadelle. Doch damit nicht genug, vor wenigen Tagen übernahm die Spandauer Burgherrin die Präsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung gewählt - als erste Frau.

Eigentlich wollte Andrea Theissen Lehrerin werden. An der Freien Universität studierte sie Geschichte, Deutsch und Politik. Als Referendarin am Reinickendorfer Humboldt-Gymnasium schrieb sie die Arbeit für das zweite Staatsexamen über die Geschichte Borsigwaldes und kam so in Kontakt zum Museumspädagogischen Dienst. Schnell trat der Gedanke ans Lehramt in den Hintergrund. Ein Zeitvertrag führte sie zur Koordination der Ausstellung "Berlin im Mittelalter" anläßlich der 750-Jahr-Feier der Stadt ans Museum für Vor- und Frühgeschichte. Anschließend ging es für die Ausstellung zur 2000-Jahr-Feier Bonns in die damalige Bundeshauptstadt und schließlich zurück nach Berlin ans Deutsche Historische Museum.

Als 1990 die neugeschaffene Stelle der Leitung des Spandauer Heimatmuseums auf der Zitadelle ausgeschrieben wurde, hatte ihre Bewerbung Erfolg. Seitdem ging es Schlag auf Schlag. 1992 entstand das Stadtgeschichtliche Museum, ein Jahr später wurde eine Dependance im Gotischen Haus in der Altstadt eröffnet. Und seit Andrea Theissen 1997 zusätzlich Chefin des bezirklichen Kunstamtes wurde, ist sie nicht nur für das kulturelle Programm verantwortlich, sondern auch Hausherrin auf der historischen Festung.

So nebenbei ist die Spandauer Burgherrin auch noch stellvertretende Vorsitzende des Berliner Museumsverbandes, Vize-Chefin der Heimatkundlichen Vereinigung, Mitglied im Arbeitskreis für genetische Siedlungsforschung in Mitteleuropa, in der Landesgeschichtlichen Vereinigung, im Förderkreis der Jugendkunstschule und im Braunschweiger Geschichtsverein. Als neue Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung hat sie in doppelter Hinsicht Zeichen gesetzt. Andrea Theissen ist hier eine von lediglich drei Frauen unter rund 300 Männern. Die Wahl der Berlinerin verdeutlicht auch, dass sich der Schwerpunkt der Arbeit, der früher im Rheinland lag, immer mehr nach Ostdeutschland verlagert.

Andrea Theissen möchte die Gesellschaft wegführen vom Image der mit Stiefeln und Taschenlampen ausgerüsteten "Bunkerratten". Die architektonischen, sozial- und kunstgeschichtlichen Aspekte der Festungsbauten möchte sie mehr in den Vordergrund stellen. In engem Kontakt mit der Denkmalspflege sollen Erhaltung und Nutzung historischer Gebäude in Einklang gebracht werden. Dafür hofft sie auf künftig mehr Mitglieder aus dem Bereich der Verantwortlichen für die Festungsbauten in den Städten.

Als Kunstamtsleiterin bereitet sie eine Sonderschau über die Festungsachse Peitz - Küstrin - Spandau vor, die im kommenden Jahr als Teil der Berlin-Brandenburger Landesausstellung "Preußen 2001" mit großem Beiprogramm auf der Zitadelle gezeigt wird. Und im Juni nächsten Jahres wird hier die erste internationale Zitadellentagung stattfinden, zu der Vertreter von Städten mit entsprechenden Bauwerken aus ganz Europa erwartet werden. So ist Andrea Theissen auch an den Wochenenden eher auf der Festung als in der Kreuzberger Wohnung zu finden, wo ihr Ehemann - selbst Historiker - viel Verständnis für die Arbeit seiner Frau zeigt. Doch etwas Abstand zwischen Beruf und Privatleben muss doch gewahrt bleiben. So ist zwar ein Umzug nach Charlottenburg geplant, näher möchte die Burgherrin im seltenen Feierabend ihrer Arbeitsstätte jedoch nicht rücken. Entspannung findet Andreas Theissen - natürlich - im künstlerischen Bereich. Sie malt und hört Musik, am liebsten Klassik und französische Chansons.

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