Berlin : Andreas Ferrari (Geb. 1958)

„Ick hab’ doch nüscht, weeste doch. Ick mach so mit Häusern rum.“

Zum Geburtstag der Tochter schmücken Luftballons und Girlanden das Wohnzimmer, bunte Servietten liegen auf dem Tisch, auf dem Kuchen brennt eine Kerze. Als die ersten Gäste mit Geschenken eintreffen, Babys durcheinanderschreien und die kleine Meike stolz und strahlend im Mittelpunkt steht, hält sich einer im Hintergrund und staunt. Andreas Ferrari, der junge Vater, erlebt mit 25 Jahren zum ersten Mal einen Kindergeburtstag.

„Mach mal die Augen zu, dann siehste, was deins ist.“ Solche Sätze hat er als Kind öfter gehört. Er ist vier, als die Eltern sich scheiden lassen, ein Makel zu dieser Zeit, auch für die Kleinsten. Mit seinem jüngeren Bruder ziehen sie nach Borsigwalde auf das Werksgelände der großelterlichen Kabeldreherei, die Mutter findet eine Anstellung als Sekretärin. Das Gewerbegebiet mit den Produktionshallen, Schuppen und Maschinen ist nicht schön, aber für kleine Jungs ein Abenteuerspielplatz. Doch Andreas darf mit den Arbeitern nicht sprechen, mit ihren Kindern nicht spielen. Seine Mutter will zur besseren Gesellschaft gehören. So verbringen die Brüder ihre Tage alleine, eingesperrt im winzigen Vorgarten, damit ihnen nichts passiert. Abends werden sie mit dem Teppichklopfer um den Küchentisch gejagt, oder bekommen kleine blaue Tabletten, damit die Mutter ihre Ruhe hat. Als Andreas mit elf allein in eine eigene winzige und kahle Wohnung ziehen muss, wird die Angst am Abend noch stärker. Die kinderlose Tante Heia ist seine Rettung, sie freut sich, wenn er zu Besuch kommt, er darf Fragen stellen und Kind sein.

Eine Kindheit zum Verschweigen, zum Vergessen? Als Erwachsener kann Andreas Ferrari davon erzählen. Er schämt sich nicht, und er hasst auch nicht. Seine Mutter lädt er jedes Jahr zu Weihnachten ein. Er weiß, sie erinnert sich an eine schwere aber auch schöne Zeit, und er lässt sie.

Wenn du weißt, dir wird nichts geschenkt, musst du dir etwas einfallen lassen. Andreas nutzt jede Chance, ein bisschen Geld zu verdienen. Er hat handwerkliches Talent und repariert alte Fahrzeuge, mit 15 verkauft er das erste Mofa, später Autos.

Dorothea lernt er auf einer Schulfahrt in den Harz kennen. Sie ist 19 wie er und erstaunt, wie dieser nach außen so spröde und stille Junge aufblüht, wenn man ihm nur zuhört. Es geht sehr schnell und ohne große Worte, sie ziehen in eine kleine Wohnung, studieren, und bald kommen die Kinder Meike und Theo.

Die beneiden ihre Schulfreunde mit Bürovätern, die zuverlässig um halb fünf zu Hause sind und bis zum Abendessen mit ihnen spielen. Andreas hat wenig Zeit. Mit seinem besten Freund hat er ein heruntergekommenes Mietshaus in Kreuzberg gekauft und saniert es Stück für Stück. Immer wenn etwas Geld da ist, stecken sie es ins Haus, mal gibt es neue Fenster, dann eine Toilette. Eine Besonderheit des Berliner Baurechts macht solche Selbsthilfeprojekte in den achtziger Jahren lukrativ. Weitere Altbausanierungen folgen.

Andreas ist ständig unterwegs, doch als Bauunternehmer ist er eine ungewöhnliche Erscheinung. Ein Hüne von fast zwei Metern, der sich im Anzug fürchterlich verkleidet fühlt und Empfänge und Smalltalk hasst. Ein Autodidakt mit dem BGB und dem HGB auf dem Nachttisch, von dem sein Steuerberater sagt: „Er hat mich eigentlich immer gut beraten.“

Ein Motorrad ist lange sein einziger Luxus, später das Segelboot auf dem Wannsee, kein teures, ein gebrauchtes aus Polen. Wohlstand zur Schau zu stellen ist ihm ein Graus, und seine Kinder sollen nicht auf die Idee kommen, mit einem reichen Vater zu prahlen. Sie sind schon erwachsen, als sie fragen, was er denn eigentlich so besitze. „Ick hab’ doch nüscht, weeste doch“, flunkert er. „Ick mach so mit Häusern rum.“ Ist er stolz? Nicht aufs Geld, eher darauf, dass er sich aus eigener Kraft etwas aufgebaut hat, trotz allem.

Spät erst genießt er die Dinge, die er sich jetzt leisten kann. Als die Kinder aus dem Haus sind, bereist er mit Dorothea die Welt. Mit dem Motorrad fahren sie bis nach Kaliningrad, segeln in der Karibik, reisen durch Thailand und Vietnam.

„Mit jedem neuen Familienmitglied wurde er etwas weicher“, sagt seine Tochter. War er als Vater noch hilflos, wenn er trösten sollte, so ist er für seine Enkel Joris und Bennet ein Großvater wie aus dem Bilderbuch. Obwohl, oder weil er nicht gerne vorliest: Er tobt lieber mit ihnen. Wenn er gefragt wird, ob er Joris aus der Kita abholen kann, lässt er sofort alles stehen und liegen und fährt erst mal zu Manufactum, um ein Rosinenbrötchen zu besorgen. Die trockenen Dinger vom Bäcker nebenan sind nichts für seinen Enkel.

2014, im Jahr als der Krebs diagnostiziert wird, kommt Bennet auf die Welt. Der spricht mit anderthalb, kurz vor Andreas Ferraris Tod, sein erstes Wort: „Opa“.

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