Berlin : Andreas Knochenhauer (Geb. 1941)

„Ach, behalten Sie doch Platz, meine Herren, ich bin privat hier!“

Robert JudaquiD

Die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein: Der eine, Andreas: ein Naturfreund, stiller Angler, einer, „der in die Pilze geht“. In einer musischen Familie aufgewachsen, sitzt er abends in seiner bescheidenen, aber geschmackvoll im Biedermeier-Stil eingerichteten Zehlendorfer Wohnung mit dem viel zu lauten Balkon und liest Fontane. Wenn er auf Usedom ist, leiht er sich ein Rad und fährt zum Bodden. Er ist einer der letzten preußischen Beamten, pflichtbewusst und unbestechlich und auch ein beliebter Chef: aufrecht in der Erscheinung und im Wesen.

Der andere, Ullrich: „der Direktor“, ein hagerer Motorsportler mit 330-PS-BMW vorm Haus, im Keller das Motorrad für die Sommerferien und im Hangar das Privatflugzeug. Ullrich radelt nicht nach Heringsdorf, er fliegt dorthin. Die, mit denen er beruflich zu tun hat, fürchten ihn wegen seiner Konsequenz und Schlagfertigkeit. Es heißt, er habe vielen Leuten große Beträge abgenommen, es ist die Rede von Millionen. Er ist eher nüchtern, von Musik hält er nicht allzu viel. Er verkehrt in den obersten Etagen der Wirtschaft, sein Weinvorrat ist erlesen.

Die beiden, Andreas und Ullrich, sind nicht nur miteinander verwandt, nicht etwa ungleiche Zwillinge. Sie sind ein und dieselbe Person: Andreas Ullrich Knochenhauer, geboren 1941 in Berlin-Zehlendorf.

Der Vater ist Jagdflieger und wird abgeschossen. Andreas behält eine Fliegerbrille von ihm, und eine große Sehnsucht nach dem Fliegen. Später macht er den Traum wahr und erwirbt die Privatpiloten-Lizenz. Die Mutter stirbt wenige Jahre nach dem Krieg an Tuberkulose. Bei den Großeltern und einer Tante wächst Andreas Ullrich auf, trägt deren Familiennamen. Die Tante, Schauspielerin bei Gustaf Gründgens, verzichtet später auf die unstete Bühnen-Karriere, wird Sekretärin und widmet sich der Erziehung ihres Neffen. Sie ermöglicht ihm das Studium der Betriebswirtschaft an der FU. 1968 tritt er nach einem Praktikum in den Dienst des Bundeskartellamts, bekannt für seine unabhängig denkenden, etwas widerspenstigen Beamten. Hier erwirbt er sich den Ruf des Kartelljägers und Aufmischers, kämpft für den Wettbewerb und oft genug gegen die Ministerialbürokratie. Er hilft beim Aufbau der Verwaltung in den neuen Bundesländern und pendelt zwischen Bonn und Berlin. Als Direktor beim Bundeskartellamt und Vorsitzender der zuständigen Beschlussabteilung setzt er 2003 die höchste Strafe durch, die je in einem deutschen Kartellverfahren ausgesprochen wurde: Unternehmen der Zementindustrie müssen wegen Quotenabsprachen zusammen ein Bußgeld von 660 Millionen Euro zahlen.

Bei allem Engagement, bei aller Überzeugung, Knochenhauer sieht die Sache durchaus sportlich. Überliefert ist eine Szene in Malente, wo er während eines Urlaubs den Frühstücksraum des Hotels betritt und auf einen runden Tisch mit fein betuchten Herren trifft, die ihm alle wohlbekannt sind, alle aus einer Branche und offensichtlich im Begriff, lukrative Aufträge untereinander aufzuteilen. Auch er ist den Herren wohlbekannt, der Schreck durchfährt sie, sie wollen aufspringen. Knochenhauer grüßt freundlich in die Runde: „Ach, behalten Sie doch Platz, meine Herren, ich bin privat hier!“

Nach seiner Pensionierung ist noch lange nicht Schluss: Im Auftrag der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit reist er nach Mazedonien und Marokko, um die Regierungen beim Aufbau einer Wettbewerbskontrolle zu unterstützen. Manchmal fürchtet er, dass das ganz vergeblich ist.

Das Flugzeug steht nicht in Schönhagen herum. Immer wieder steigt der 1,90-Meter-Mann in das enge Cockpit, um in die Fränkische Schweiz oder nach Usedom zu fliegen. Im Kofferraum: ein Klapprad und ein Satz Angelruten.

Wegen geringer Beträge sind schon Gewalttaten verübt worden; Andreas Knochenhauer aber stirbt am 17. Februar friedlich eines natürlichen Todes. Es war ein Tag mit bestem Flugwetter. Robert Judaqui

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