Berlin : Andreas Nachama zu seiner Nichtwahl in den Zentralrat der Juden

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Herr Nachama, was haben die höchsten Repräsentanten des deutschen Judentums gegen Sie?

Andreas Nachama: Ich denke, das stärkste Argument gegen mich ist, dass ich mich in der World Union for the Progress of Judaism engagiere. Das ist die Organisation, in der nicht-orthodoxe Gemeinden vereinigt sind. Mein progressiver Ansatz in religiösen Fragen ist für die überwiegend orthodox organisierten Gemeinden in Deutschland inakzeptabel - und auch in meiner eigenen Berliner Gemeinde umstritten.

Nicht nur Sie als Person sind nicht gewählt worden, sondern erstmals in der Nachkriegsgeschichte ist die Berliner Gemeinde - als größte Deutschlands - nicht im Präsidium des Zentralrats vertreten. Was für ein Problem hat man in Frankfurt mit Berlin?

Man kommt mit den unterschiedlichen Formen der Gemeindearbeit und der Synagogen in Berlin nicht klar. Der Hintergrund der Nichtwahl in das Präsidium ist allerdings ein anderer: Westdeutsche Gemeinden haben oft Mühe, am Freitagabend die ausreichende Zahl von Mitgliedern für einen Gottesdienst zusammenzubekommen. Hier in Berlin haben wir nicht nur die größte Gemeinde, sondern auch sonst ein reiches jüdisches Leben: Wir haben das Lehrhaus der Lauder-Foundation, das American Jewish Committee. Da sagen die anderen uns: "Ihr braucht den Zentralrat nicht, ihr helft euch selbst. Wir würden untergehen, wenn Berlin zu viel Gewicht bekommt."

Kann den in Berlin lebenden Juden andersherum Schaden entstehen, weil die Gemeinde nicht im Zentralrat vertreten ist?

Berlin ist ja nicht aus dem Zentralrat ausgetreten, in den mittleren Gremien sind wir weiterhin präsent. Schaden nimmt eher der Zentralrat - weil Berlin ausgegrenzt wurde. Es ist dabei auch Unehrlichkeit im Spiel. Die, die mir vorwerfen, zu progressiv zu sein, die fahren am Freitagabend selbst mit dem Auto in die Synagoge. Die orthodoxe Position ist ein reines Lippenbekenntnis.

Herr Nachama, gerade Sie setzen sich doch auch für die "Rückbesinnung auf das Judentum" ein - das war Ihr Programm, mit dem Sie vor zweieinhalb Jahren in Berlin Vorsitzender wurden und das haben Sie auch nach Ignatz Bubis Tod im August dieses Jahres für den Zentralrat gefordert. Mit Jizhak Ehrenberg hat Berlin auch wieder einen orthodoxen Rabbiner. Hätte das Präsidium Ihr Engagement nicht würdigen müssen?

Es ist in der Tat misslich, wenn progressive und konservative Initiativen zur religösen Erneuerung nicht gewürdigt werden. Jüdische Gemeinden in Deutschland können sich heute nicht mehr allein aus ihrer historischen Position - als Gemeinden der Überlebenden des Holocaust - legitimieren, sondern sie werden sich zunehmend religiös legitimieren müssen - und zwar im Sinne von wahrhaftigen Bekenntnissen und der Gleichrangigkeit verschiedener Richtungen.

Julius Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums und Mitglied der Berliner Repräsentantenversammlung, will, dass Berlin seine Mitgliedschaft im Zentralrat aus Protest ruhen lässt.

Das halte ich nun wieder für schlechten demokratischen Stil. Wenn man nicht gewählt wird, sollte man sich im Gegenzug nicht in die Schmoll-Ecke stellen. Wenn man so denkt wie Schoeps - dass Berlin sich gegen die Nichtwahl wehren müsse - sollte man eher eine Satzungsänderung vorschlagen, in dem Sinne, dass eine so große Gemeinde wie Berlin auch ohne Wahl im Präsidium vertreten sein sollte.

Während viele Gemeindemitglieder sehr verärgert über den Zentralrat sind, üben Sie sich, wie schon bei ihrer gescheiterten Kandidatur von 1997, in Gelassenheit. Selbst wenn Sie persönlich keine Ambitionen auf weitere Ämter und Einfluss haben - sollten Sie nicht für Berlin kämpfen?

Ohne verbissen und kämpferisch zu sein, bin ich Vorsitzender dieser Gemeinde geworden. Ich habe tatsächlich keine weiteren Ambitionen. Ich brauche keine politischen Ämter, um mich selbst bestätigt zu fühlen. Ich bin ja in Berlin zum Vorsitzenden gewählt worden, weil ich mich nicht an den Kungeleien beteilige. Ich gehöre keiner Partei an - auch keinem Bündnis für die Nachfolge von Ignatz Bubis. Nachfolger von Jerzy Kanal wurde ich gerade deshalb, weil ich für mich allein stehe, weil ich es anders mache als in den letzten 50 Jahren. Wenn im Zentralrat keine Managerqualitäten gefragt sind - dann sehe ich das wieder vollkommen unverbissen.Das Interview führte Amory Burchard

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