Berlin : Andreas Schulz (Geb. 1964)

Er hatte gute Chancen auf eine gesicherte Existenz

Jörg Machel

Nie hat Andreas die Szene vergessen, als die Nonne im Kinderheim ein anderes Kind auf ihrem Schoß hatte und ihn brüsk zurückstieß. Dabei hatte er doch nur seinen anvertrauten Platz eingefordert. Später erfuhr er, dass es sich um eine Erziehungsmaßnahme handelte, die von der Oberin angeordnet worden war. Den Erzieherinnen war es verboten, zu enge Bindungen mit einzelnen Schützlingen aufzubauen. Die Nonne, die ihn zurückstieß, war die einzige Bezugsperson seiner ersten Lebensjahre, an die er sich später erinnern konnte.

Seine Mutter hat Andreas nie kennengelernt. Sie hatte ihn nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Seine älteren Geschwister, so erfuhr er, hatte sie an die Großeltern abgegeben, und die alten Leute sahen sich nicht in der Lage, noch ein weiteres Kind aufzunehmen. Er war zu viel.

Auch bei den Adoptionen aus dem katholischen Kinderheim heraus blieb er übrig, obwohl er ein hübsches Kind war. Die Stellung seiner Augen und die hohe Stirn hatte man irrtümlich als Downsyndrom gedeutet und ihn deshalb zurückbehalten. Als er endlich adoptiert wurde, war Andreas schon im Vorschulalter. In der Familie war er das zweite angenommene Kind. Die Freude über sein neues Zuhause verflog, als er mitbekam, dass man ihn allein deshalb aufnahm, weil das erste Kind einen Spielkameraden wollte. Wieder, so schien es ihm, war nicht er gemeint. Wirkliche Geschwisterliebe wollte zwischen den beiden Jungen nicht aufkommen. Es war ein stetiger Kampf um Respekt und Anerkennnung in der kleinen Familie. Andreas, der Jüngere, zog dabei meist den Kürzeren.

Als der Bruder bei einem schweren Brandunfall entstellt wurde, verlor Andreas auch den Schutz, der ihm als dem Schwächeren zustand. So suchte er schon mit 14 Jahren der Familie zu entfliehen. Er entdeckte das Alkoholversteck des Ziehvaters in dessen Kleiderschrank und bediente sich.

Halt suchte er bei einem Mädchen, doch die Beziehung war nicht von Dauer. Jungen zogen ihn mehr an, auch Männer. Es folgten wilde Zeiten. Als der Vater den Brief eines Liebhabers fand und so von Andreas’ homosexueller Orientierung erfuhr, begegnete die Familie dem Jungen mit Beleidigungen und Häme. Ein Aufenthalt in der Provinz sollte den Jungen wieder auf die rechte Spur bringen.

Doch das Experiment misslang. Die Freiheit der Großstadt lockte ihn mehr als das Leben, das die Adoptiveltern für ihn vorgesehen hatten. Andreas lernte seinen Namensvetter Andreas kennen. Die Beziehung begann als flüchtige Sexbekanntschaft und wurde schnell viel mehr. Am Ende eine langjährige Liebe bis zum innigen Abschied auf dem Totenbett. Der ältere Freund zeigte Andreas einen Weg aus der Schmuddelecke. Durch ihn lernte er, sein Schwulsein ohne Tarnung zu leben. Durch ihn fand er allerdings auch vom Alkohol zu den harten Drogen. Und seine Drogenabhängigkeit war es, durch die er sich den Einstieg in die Berufstätigkeit verbaute. Als ausgebildeter Krankenpfleger hatte er gute Chancen auf eine gesicherte Existenz. Weil er sich aus dem Medikamentenschrank bediente, wurde er fristlos gekündigt.

Am Ende war es aber der Alkohol, der ihn die Stabilität, die Gesundheit und schließlich das Leben kostete. Oft versuchte Andreas von der Sucht loszukommen. Er schaffte es nicht. Hinter Lügen und Geschichten versuchte er, sein Scheitern zu verbergen. Dabei war das überflüssig, denn jeder, der ihn kannte, wusste, wie es um ihn stand, und wer ihn wirklich mochte, der stand zu ihm, auch ohne alle Maskerade. Jörg Machel

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