Berlin : Angeklagte sollen DDR-Betrieb systematisch in den Bankrott getrieben haben

Im zweiten Anlauf hat am Dienstag vor dem Landgericht der Prozess um einen der vermutlich größten Fälle von Vereinigungskriminalität begonnen. Zwei ehemalige Geschäftsführer und ein Rechtsanwalt müssen sich wegen Veruntreuung von 240 Millionen Mark aus dem Vermögen der Ost-Berliner Firma WBB Wärmeanlagenbau verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, den einstigen DDR-Monopolbetrieb für Heizkraftwerke und Fernwärmeleitungen systematisch in den Bankrott getrieben zu haben.

Das Gericht vertagte sich nach zweistündiger Verhandlung auf kommenden Dienstag. Bis dahin wird auf Grund einer Rüge der Verteidigung die Gerichtsbesetzung geprüft. Der erste Prozess war im vorigen Jahr wegen Verhandlungsunfähigkeit eines Angeklagten geplatzt. Im September war bereits ein für den Wärmeanlagenbau tätiger Rechtsanwalt zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Gegen einen weiteren Juristen kann derzeit aus gesundheitlichen Gründen nicht verhandelt werden. Der mutmaßliche Drahtzieher und ehemalige WBB-Chef Michael Rottmann ist seit 1995 auf der Flucht und wird international gesucht.

Zwischen 1991 und 1994 waren der Firma der Anklage zufolge systematisch Vermögenswerte entzogen worden. Überweisungen aus Immobilienverkäufen sowie Darlehen aus Scheingeschäften, angeblich zur Sicherung von Immobilien, sollen neu gegründeten Firmenkonten gutgeschrieben oder in die Schweiz transferiert worden sein. Durch Manipulationen der Vermögenszahlen des einstigen VEB Wärmeanlagenbau Berlin "Deutsch-Sowjetische Freundschaft" soll die Firma nach ihrer Privatisierung durch die Treuhandanstalt weit unter ihrem Wert verkauft worden sein.

Der "Volkseigene Betrieb" war nach der Vereinigung von der Treuhandanstalt als GmbH neu gegründet und mit einem Stammkapital von vier Millionen Mark ins Handelsregister eingetragen worden. Gleichzeitig verfügte die Firma mit 1.225 Mitarbeitern über zahlreiche lukrative Immobilien sowie ein Barvermögen von zirka 150 Millionen Mark. Die zwei angeklagten Geschäftsführer sollen die Vermögenszahlen der Firma gefälscht und somit den Kaufpreis gedrückt haben. Für zwei Millionen Mark ging der WBB Wärmeanlagenbau 1991 an die ihnen gehörende Schweizer Firma Chematec, die bereits hoch verschuldet war. Späteren Ermittlungen zufolge soll der eigentliche Wert bei 60 Millionen gelegen haben.

Im Lauf der nächsten vier Jahre sollen die heute 40 bis 65 Jahre alten Angeklagten ein "undurchschaubares Firmengeflecht" geschaffen haben.Nach dem Konkurs 1995 blieben der Staatsanwaltschaft zufolge 100 Millionen Mark Schulden übrig.

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