Berlin : Angekommen in der Stadt seiner großen Liebe

Der schwedische Botschafter Carl Tham arbeitet nach einer eindrucksvollen Karriere als Politiker in einer Metropole, die sein Faible für das Theater versteht

Elisabeth Binder

Carl Tham ist in seinem persönlichen Schlaraffenland angekommen. Eine Stadt voller Theater – wunderbar. Die Magie einer Theaterbühne ist ein Thema, das den schwedischen Botschafter ohne Ende fesselt. Da vergisst er das Wiener Schnitzel, das vor ihm steht, Messer und Gabel sinken auf den Teller, seine Augen leuchten, seine Gestik wird lebhaft. „Eine gute Theateraufführung mit einem schlechten Publikum ist undenkbar“, sagt er. „Das Publikum muss offen sein, muss sich einfangen lassen.“

Diplomat ist Carl Tham erst seit April letzten Jahres. Vorher war der studierte Theaterwissenschaftler als Politiker in vielen Spitzenpositionen tätig. Ende der 70er Jahre war er in Stockholm Minister für Energiefragen. Später wurde er Staatssekretär für Entwicklungshilfe im Außenministerium, Generaldirektor des Schwedischen Amts für Internationale Entwicklungszusammenarbeit, von 1994 bis 98 Minister für Bildung und Wissenschaft. Als er im Alter von 62 Jahren das Angebot bekam, als Botschafter nach Berlin zu gehen, sah er „eine Verlockung, der ich nicht widerstehen konnte“. Im April 1961 war Carl Tham zum ersten Mal in Berlin. Mit einer Freundin quartierte er sich in die Pension Elite ein und ging jeden Abend ins Theater. Damals faszinierten ihn besonders die originalen Brecht-Inszenierungen im Theater am Schiffbauerdamm. „Arturo Ui“ hat er gesehen und „Mutter Courage“. Als er bei seinem Amtsantritt dem Bundespräsidenten seine Beglaubigung übergab, hat er davon erzählt und schon war ein Gespräch im Gang über gemeinsam erlebte Inszenierungen.

Und die Politik? „Vielleicht sollte ich die Gedanken, die ich habe, für mich behalten?“, überlegt er einen Moment, während er eine Kartoffel zerteilt. Dann spricht er doch über die schwierige wirtschaftliche Situation, über den schnellen Popularitätsverfall des deutschen Kanzlers, den er nur schwer verstehen kann. Deutsch spricht er fließend, obwohl er alle diesbezüglichen Komplimente heftig zurückweist; manchmal hält er inne und sucht nach einem Wort, das wirklich genau trifft, was er meint. Was ihn dennoch freut, ist die große Zahl der Studenten, die an der Humboldt-Universität nordische Sprachen lernen. Oh ja, er widmet sich in seiner Tätigkeit auch den intensiven Wirtschaftsbeziehungen. Aber wo sein Herz schlägt, das merkt man daran, von welchen Veranstaltungen er ausführlich spricht: Das Übersetzertreffen im Literarischen Colloquium zum Beispiel, die Ausstellung einer schwedischen Künstlerin in einer Galerie in Ettlingen. Ach ja, und die anstehende Ausstellung mit sehr exquisiten Nachbauten alter schwedischer Möbel, die Antwort der Geschichte auf Ikea. Angesprochen darauf, dass Kochen sein Hobby sei, hebt er entsetzt die Hände. „Kein Hobby!“ Man kocht schließlich, um zu leben. Das ist bei Männern nicht anders als bei Frauen, darauf legt er Wert. Allerdings kocht er mit Lust und Ehrgeiz, wie er hinterher zugibt. Überhaupt glaubt er nicht an die Trennung von Arbeit und Freizeit. Er ist immer gut beschäftigt, fährt mit dem Fahrrad von seiner Residenz in Dahlem in die Botschaft am Tiergarten, schreibt viel, liest viel. Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf? „Mein Leben ist mein Hobby“, sagt er.

Hat er häufiger auch die königliche Familie zu betreuen? „Wenn sie kommen, dann meist privat“, sagt er. Allerdings war er sehr erstaunt, über das riesige Medieninteresse an der königlichen Praktikantin Victoria. Was ihn ebenfalls immer noch ein bisschen überrascht, ist die große Begeisterung, die Königin Silvia in Deutschland auslöst. Oh ja, sie ist auch in Schweden sehr populär. Hier aber hat er erlebt, wie sie kurzfristig ihre Teilnahme an einer morgendlichen Ausstellungseröffnung in Osnabrück zusagte. Es war schlechtes Wetter, und es hatten sich Tausende versammelt, um die Königin zu sehen. Die Bemerkung, dass hier vielleicht die heimliche Sehnsucht mancher Zaungäste nach einer glanzvollen Königin ihren Ausdruck fand, lässt er nicht gelten. „Sie haben doch so einen großartigen Präsidenten hier.“

Wo immer das Gespräch hingeht, findet er einen Weg zurück zum Theater. Beim Kaffee erzählt er, was ihm am Berliner Theaterpublikum besonders gefällt: dass es sehr gemischt ist, sehr konzentriert, auch kenntnisreich, dass vor allem alle Altersklassen vertreten sind. „Jedem Menschen sollte die Chance gegeben werden, wenigstens ein oder zwei gute Theateraufführungen zu erleben, um zu sehen, ob sie einen Sinn dafür haben“, lautet ein Credo des ehemaligen Politikers, der bei den Liberalen anfing und dann zu den Sozialdemokraten wechselte.

Hätte er Lust, in Berlin Kulturpolitik zu machen? Bei dieser Frage durchzuckt ein Blitz sein Gesicht, als habe der Zahnarzt beim Bohren einen Nerv getroffen. Bloß nicht! Das muss in der jetzigen ökonomischen Situation ganz schrecklich sein. Lieber genießt er seine Zeit als Botschafter. Da scheint es ihm zugehen, wie dem Schauspieler, der die leere Bühne zum Leben erweckt und mit seinem Publikum in einer Weise kommuniziert, die ihm selbst etwas zurückgibt: „Man fühlt sich wirklich zu Hause hier.“

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