• Angesehene Dirigentin soll abgeschoben werden Musiker und Politiker machen sich für die Koreanerin Jin stark. Jetzt erhielt sie einen Aufschub

Berlin : Angesehene Dirigentin soll abgeschoben werden Musiker und Politiker machen sich für die Koreanerin Jin stark. Jetzt erhielt sie einen Aufschub

Claudia Keller

Hee-Seon Jin will endlich wieder Partituren studieren. Stattdessen muss sie Ausländergesetze lesen. Die Berliner Ausländerbehörde will die Koreanerin in ihr Heimatland abschieben – obwohl sie seit 21 Jahren in Deutschland lebt, eine hoch qualifizierte Dirigentin ist und perfekt Deutsch spricht. Egon Bahr und der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, Generalmusikdirektoren und Politiker mehrerer Parteien, darunter Bundesinnenminister Otto Schily setzen sich seit Jahren dafür ein, dass die 38-Jährige hier bleiben kann. Dennoch: Heute sollte sie der Ausländerbehörde ihren Pass und ein Flugticket nach Seoul vorlegen, morgen im Flugzeug sitzen. Nachdem der Tagesspiegel in dem Fall zu recherchieren begann, zeichnete sich plötzlich eine Lösung ab. Nun darf sie bis Ende des Jahres in Berlin bleiben.

Seit sie zehn Jahre alt ist, will Hee-Seon Jin Dirigentin werden. Jins Vater unterrichtete Germanistik an der Universität in Seoul, sie selbst schwärmt von Richard Wagner, Brahms und deutscher Philosophie. Sie kann es nicht fassen, dass man sie, die ihr ganzes Leben der deutschen Kultur widmet, hier nicht haben will. 1992 absolvierte sie in München ihr Dirigenten-Diplom, danach nahm Stardirigent Sergiu Celibidache sie als Schülerin an. Bezahlt haben das Studium ihre Eltern. 1999 kam der erste Schock: Nur wenn sie innerhalb einer Woche nachweisen könne, dass ein öffentliches Interesse an ihrem Aufenthalt in Deutschland besteht und sie eine feste Anstellung findet, dürfe sie bleiben, entschied das bayerische Innenministerium. Hee-Seon Jin schaffte es: Das Staatstheater Darmstadt engagierte sie.

Zwei Jahre später wollte man sie wieder ausweisen. Vorgesetzte und Kollegen schwärmten von ihrer musikalischen Kompetenz. „Ihr künstlerisches Wirken ist eine große Bereicherung für das kulturelle Leben hierzulande“, schrieb der Leiter des Hanns-Eisler-Orchesters. Hans-Olaf Henkel, damals Mitglied in der Zuwanderungskommission, bat Hessens Innenminister eine Einbürgerung von Frau Jin positiv zu prüfen, „da sie nicht nur einen langjährigen Aufenthalt in unserem Land und die finanzielle Unabhängigkeit nachweisen kann, sondern ein prägnantes Beispiel für Integrationswilligkeit ist“.

Die feste Stelle in Darmstadt war mittlerweile ausgelaufen, Jin lebte von befristeten Engagements. Da bot ihr Kent Nagano, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin, an, ein Praktikum bei ihm zu machen. Daraus wurde nichts – unter anderem weil die Berliner Innenbehörde mit Ausweisung drohte, sagt Jin. Nachdem Bundesinnenminister Otto Schily intervenierte, wurde die Abschiebung ausgesetzt.

Kurze Zeit später heiratete die Musikerin einen Deutschen. Nach einem halben Jahr zog ihr Mann allerdings aus der gemeinsamen Wohnung aus. Da der Aufenthaltsstatus für verheiratete Ausländer ans Zusammenleben geknüpft ist, wollte man sie nach seinem Auszug wieder ausweisen. „Ich kann nicht sehen, welch Unglück es für Berlin wäre, wenn Ihre Bitte um Aufenthalt erfüllt würde, abgesehen von der unverhältnismäßigen Härte für Sie, wenn es abgelehnt würde“, schrieb Egon Bahr vor drei Monaten. Das scheint nun auch zu Innensenator Ehrhart Körting durchgedrungen zu sein. Er will ihr bis Dezember eine neue Duldung aussprechen. „Frau Jin gehört zu den Menschen, bei denen wir dann mit Blick auf das Zuwanderungsgesetz prüfen werden, ob sich die Härtefallkommission ihrer annehmen kann“, sagte Körtings Sprecherin gestern dem Tagesspiegel. „Dabei wird natürlich eine Rolle spielen, dass sie schon 21 Jahre in Deutschland ist.“

Als Jin die Neuigkeit vom Tagesspiegel erfuhr, lächelte sie erleichtert. Dass jetzt alles gut wird, glaubt sie nicht. „Immer wieder hat man mir Versprechungen gemacht und sie nicht gehalten. Dabei liebe ich dieses Land und seine Kultur so sehr.“

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