Angespannte Sicherheitslage in Berlin : Das Turnfest in Zeiten der Terrorangst

Polizei vor den Sportlerunterkünften, scharfe Kontrollen bei der Eröffnungsfeier. Die Teilnehmer des Turnfestes spüren die Unsicherheit nach mehreren Anschlägen und versuchen es trotzdem zu genießen.

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Spaß und Sicherheit. Der Eröffnungsumzug des Turnfestes wurde scharf bewacht.
Spaß und Sicherheit. Der Eröffnungsumzug des Turnfestes wurde scharf bewacht.Foto: imago

Der Schiedsrichter steht unter dem Sonnenschirm. In der linken Hand ein Klemmbrett, in der rechten einen Kugelschreiber, vor sich die Netzstange des Beachvolleyball-Feldes. Daneben steht ein junger Mann in Bermuda-Shorts. Er trägt den Regenschirm, der Unparteiische muss ja die Hände frei haben zum Schreiben. Der Regenschirm hält die Sonne ab.

Es ist schließlich warm auf dem Areal „Beach Mitte“, gleich beim Nordbahnhof. Hier hechten und springen am Montagmittag mehrere Dutzend der insgesamt 80.000 Teilnehmer aus 3200 Vereinen, die beim Deutschen Turnfest starten. Auf den ersten Blick wirkt alles wie immer, typisch Turnfest. Doch vor dem Areal am Nordbahnhof steht ein Polizeiwagen. Die Insassen tragen schusssichere Westen. Die Schulen, in denen die Sportler wohnen, werden auch von der Berliner Polizei geschützt. Das größte Massensport-Ereignis der Welt mit Breiten- und Spitzensportlerinnen aus elf Nationen und 22 Landesverbänden in Zweiten des Terrors und der Unsicherheit.

„Früher“, sagt Sandra Weber-Fetzer, „war es nur ein fröhliches und weltoffenes Fest.“ Die Krankenschwester trägt ein Trikot des TV Illingen, Badischer Turnerbund, sie war schon bei vielen Turnfesten. Diesmal ist es aber anders. Auch bei der der großen Eröffnungsfeier am Brandenburger Tor am Freitag gab es strenge Sicherheitskontrollen.

Nicht mehr als Angst als sonst

Sandra Weber-Fetzer hatte gerade noch auf dem Sand gespielt, jetzt sitzt sie auf einem Holzpodest und sagt: „Es ist schade, dass so etwas inzwischen nötig ist.“ Man kann hinter der schwarzen Sonnenbrille ihre Augen nicht sehen, man kann nicht sehen, wie enttäuscht ihr Blick ist. Aber man hört es an der Stimme.

Sie spüre nicht mehr Angst als früher, das ist es ja nicht. „Ich fühle mich nicht verunsichert“, sagt sie. London, Manchester, die Terroranschläge, das alles registriert sie, aber sie verändern nicht ihr Gefühl von Gefährdung. Doch die frühere Leichtigkeit ist nicht mehr so zu spüren, wer nicht bloß sportbegeisterte Menschen sieht, sondern auch Polizisten und Ordnungskräfte, entwickelt keine ungezwungene Fröhlichkeit.
Sandra Weber-Fetzer ist beim Eröffnungsumzug mitgelaufen. Als der Tross marschierte, war sie Teil einer fröhlichen Gruppe. Als sie zum Umzug wollte, war sie Teil einer fast endlos langen Warteschlange. Die Umgebung des Brandenburger Tors war abgeriegelt, Polizei und Ordnungsdienste kontrollierten sorgfältig, aber eben auch zeitaufwändig. „Es hat ewig gedauert, bis ich beim Umzug war.“
Aber die Krankenschwester versteht das alles, sie unterstützt auch die Sicherheitsmaßnahmen. „Die Polizei hat einen Superjob gemacht“, sagt sie. „Sie hat sich so dezent im Hintergrund gehalten, wie das möglich ist.“ Aber Sicherheit und Unauffälligkeit, das geht nur schwer zusammen.
Sandra Weber-Fetzer dürfte stellvertretend für viele reden. Wer versteht nicht den Zwang, Risiko und Gefahren möglichst gering zu halten? Andererseits sind die Einschränkungen auch manchmal nervig.
Harald und Marianne Jost haben deshalb kapituliert. Sie sind umgedreht. Den Eröffnungsumzug haben sie gestrichen. Sie wollten ihn anschauen, sie wollten das Brandenburger Tor besuchen, aber dann standen auch sie in der langen Schlange. Irgendwann war ihnen die Warterei zu anstrengend.

Niemand fühlt sich durch Kontrollen belästigt

Zwei Tage später sitzen sie am Rand der Umkleidekabinen in „Beach Mitte“ und genießen die Spiele. Sie lassen’s inzwischen gemütlich angehen. Harald Jost ist 61 Jahre alt, Marianne Jost 62, sie hätten hier gerne Volleyball gespielt, aber beim Turnfest sind die Volleyballer alle rund 20 Jahre jünger. Also lassen sie sich einfach treiben und schauen sich die Wettkämpfe an, die ihnen gefallen. Sport können sie genug zu Hause machen, im Saarland, beim TV Illingen. Auf ihren meerblauen T-Shirts steht’s ja: „Saarländer was’n sonschd?“.
Sie haben niemand getroffen, der sich durch die Sicherheitsmaßnahmen belästig fühlt. Sie selber empfinden die Kontrollen auch als „okay“. Sie Gehören halt dazu. Besonders gefährdet fühlen sie sich auch nicht. „Wenn man immer Angst hätte, müsste man ja zu Hause bleiben“, sagt Marianne Jost. „Wenn man kein Gottvertrauen hat, dann geht man auch nicht raus.“

Kein Urlaub in Tunesien oder in der Türkei

Sabine und Klaus Rotter sind auch raus, sie sind auch auch bei den Volleyballern am Nordbahnhof gelandet. „Wir können uns ja nicht einigeln“, sagt Klaus Rotter, ein Mann mit eisgrauen Haaren und gebräuntem Gesicht. Weder er noch seine Frau fühlen sich besonders gefährdet. London, Manchester, Terror, Bomben und Messerangriffe, das sind Dinge, die sie natürlich emotional berühren, aber sie verändern nicht ihren Alltag. Weder beim Turnfest noch zu Hause in Waddens, der 400-Seelen-Gemeinde bei Bremerhaven.

Konkreter wird die Gefahr eher bei anderen Dingen. Bei der Urlaubssuche zum Beispiel. „Nach Tunesien oder in die Türkei würde ich jetzt nicht fahren“, sagt Sabine Rotter.
Erstmal fahren sie nur bis zum Maifeld am Olympiastadion. Da hat Klaus Rotter seinen Auftritt, auf den Spielfelder für die Schleuderball-Teams. Schleuderball, das ist Klaus Rotters Sportart. Beim Beachvolleyball ist er noch entspannt. Aber wenn er mit seinen Kumpels vom TV Waddens antritt, dann wird’s ernst.

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