Berlin : Angst, dass der Kiez kippt Empörte Anwohner fordern Verbot

Rainer W. During

Für „Sex in the City“ warb das Riesenplakat an der Fassade des gegenüberliegenden Hauses. Im Kieztreff „Palast“ in der Pallasstraße entlud sich dagegen am Donnerstagabend des Volkes Zorn über die wieder zunehmende Prostitution und das geplante Bordell im ehemaligen Wegert-Haus an der Potsdamer-, Ecke Kurfürstenstraße. Das Gebäude gehört dem Veranstalter der Sexmesse Venus, für die auf dem Megaposter mit einer beinahe nackten Frau geworben wird.

Den Ernst der Lage verdeutlichte die Tatsache, dass das gesamte Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg mit Bürgermeister und fünf Stadträten angerückt war. Es galt, angesichts der komplizierten Rechtslage Argumente für eine Ablehnung der Baugenehmigung zu sammeln. Denn, so erläuterte Baustadtrat Bernd Krömer (CDU), formalrechtlich ist ein Bordell im baurechtlichen Kerngebiet zulässig. Rund 1700 Protestunterschriften überreichte Regine Wosnitza im Namen einer Bürgerinitiative an Bürgermeister Ekkehard Band (SPD). „Das Gleichgewicht droht zu kippen“, so Pfarrer Andreas Fuhr von der Zwölf-Apostel-Kirche. Auch für die Besucher der Moschee sei die Situation schon heute „untragbar“, so ein Gemeindevertreter.

„Unsere Erzieherinnen können sich mit den Kindern kaum noch auf die Straße wagen“, klagte eine Kita-Mitarbeiterin. Viele Familien würden den Kiez verlassen. Man habe Mühe, neue Eltern zu finden, die ihren Nachwuchs in Obhut geben, sagte eine Vertreterin des Trägervereins vom Haus der Kinder an der Kurmärkischen Straße. „Wer das sieht, kommt nicht zu uns.“ Selbst auf dem Weg zum Einkauf in der Potsdamer Straße werde man mit eindeutigen Angeboten konfrontiert, berichtete ein Anwohner. Das betreffe nicht nur Männer, so sei seine Nachbarin bereits von Freiern angesprochen worden. Viele Laden- und Kneipenbesitzer klagen über Einbußen. „Viel Leerstand können wir uns hier nicht leisten“, so eine Vertreterin der Interessengemeinschaft Potsdamer Straße. Bis zu 500 Autos mit Freiern und Neugierigen pro Nacht hat ein Anwohner der Frobenstraße gezählt. „Uns reicht es hier“, so eine Frau, die seit 35 Jahren im Kiez wohnt.

Hoffnungen einzelner Besucher, das geplante Bordell könnte die Situation auf der Straße beruhigen, wurden schnell zerstört. Hier handele es sich um zwei verschiedene Kategorien von Liebesdienerinnen, bestätigte eine Mitarbeiterin des Prostituiertentreffs Hydra. Entsprechend sei auch mit einer neuen, zusätzlichen Klientel von Freiern zu rechnen.

„Es macht mich wütend. Die ganzen Bemühungen der letzten Jahre drohen konterkariert zu werden“, sagte Baustadtrat Krömer. Es sei sein „fester Entschluss“, das Bordell nicht zu genehmigen, „wenn ich es irgendwie kann“. Soziale Verwerfung und unerträgliche Belästigung für die angrenzenden Wohngebiete seien realistische Ablehnungsgründe. „Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Bordell nicht zu realisieren, werden wir diesen Weg beschreiten“, so auch Bürgermeister Band. Eine Arbeitsgruppe soll gemeinsam mit Anliegern, Quartiersmanagement und Polizei nach Möglichkeiten suchen, auch den Straßenstrich wieder zu befrieden. Rainer W. During

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben