Berlin : Angst macht mobil

Veranstalter und Forscher: Der Protest geht weiter. Die Vorbereitungen für den 1. Mai laufen

Lars von Törne

Das war nur der Anfang. „Solange die Menschen die Folgen der politischen Reformen spüren, ebbt die Protestwelle nicht ab“, sagt der Berliner Soziologe Ansgar Klein. Demonstrationen wie die am Sonnabend, bei der 250 000 Menschen in Berlin gegen die Sparpolitik der Bundesregierung demonstrierten, gehen in den nächsten Monaten weiter, erwartet er. Der 45-jährige Protestexperte gibt das Forschungsjournal „Neue Soziale Bewegungen“ heraus.

Die aktuellen Proteste gegen den Sozialabbau verdanken ihre breite Unterstützung etwas, das Klein zufolge auch der Motor der Friedensbewegung der achtziger Jahre war: Angst. „Solange die Menschen Angst haben, werden sie protestieren.“ Außerdem habe die Demonstration am Sonnabend gezeigt, dass die Öffnungsstrategie der Gewerkschaft erfolgreich war: Indem neue Protestgruppen wie Attac oder soziale Bündnisse beteiligt waren, kamen viele Menschen zu der Demonstration, die mit den traditionellen Protestformen sonst nicht viel anfangen können. Ein Bündnis mit Potenzial: „Es kann sein, dass das anhält und die traditionelle 1.-Mai-Demonstration mehr wird als das übliche gewerkschaftliche Kaffeekränzchen“, sagt Klein.

Das hofft auch der DGB – und bezweifelt zugleich, dass sich der Schwung vom Wochenende in vier Wochen ungebremst fortsetzt. „Der 1. Mai ist nunmal unsere Tradition und nicht die Tradition der anderen Verbände“, sagt DGB-Sprecher Dieter Pienkny. „Natürlich wollen wir weiterhin zusammen gegen Sozialabbau kämpfen – aber wir sind uns bewusst, dass die Koalitionen nicht immer so breit sein werden wie am Sonnabend.“ Da seien einige Gruppen „über ihren Schatten gesprungen“, die sonst mit dem DGB nicht viel verbindet.

Der Verband Attac, in dem sich viele linke Globalisierungskritiker engagieren, sieht das Wochenende hingegen als Modell mit Zukunft. „Die Gewerkschaften haben gezeigt, dass sie sich öffnen können“, lobt Attac-Sprecher Peter Wahl. Dass dies nur der Anfang war, zeige sich daran, dass der Attac-Mann bei der Mai-Kundgebung des DGB in Erlangen auftreten soll – als Hauptredner. Der 55-Jährige glaubt, dass die 250 000 Demonstranten vom Sonnabend „nur die Spitze des Eisbergs waren“. Zwar sei richtig, dass die Mehrheit der Bevölkerung am Wochenende nicht demonstrierte. Aber Umfragen zufolge hielten drei Viertel der Bürger die Agenda 2010 für ungerecht – „von denen werden in den nächsten Monaten noch viele protestieren.“

Der Verlierer der Sozialprotest-Welle dürfte die klassische Friedensbewegung sein, die ab heute auch in Berlin wieder zum Ostermarsch aufruft. „Das Thema berührt die Leute derzeit einfach nicht“, sagt Protestforscher Klein. Das befürchten auch die Organisatoren vom Netzwerk Friedenskooperative. Wegen der vielen Proteste der vergangenen Wochen wurde der traditionelle Marsch eingedampft. Jetzt gibt es am Ostermontag nur eine Podiumsdiskussion vor dem Roten Rathaus.

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