Berlin : Angst vor Abschiebung: Polizei verfolgte Kurden: Sturz aus dem Fenster

Holger Stark

Ein 20-jähriger Kurde ist gestern aus Angst vor einer Abschiebung aus dem dritten Stock einer Charlottenburger Psychotherapiepraxis gestürzt. Zuvor waren Beamte der Polizei gegen den Willen der Therapeuten mit gezogenen Schusswaffen in die Praxis eingedrungen. Der junge Mann wurde lebensgefährlich an der Wirbelsäule und den Beinen verletzt. Bis Freitagabend war unklar, ob er überleben wird. Die Therapeuten machen der Polizei schwere Vorwürfe und sprechen von einem skandalösen Vorgehen.

Davut K. war gegen 10 Uhr in die Praxis von "Xenion" in der Roscherstraße gekommen, wo er einen Behandlungstermin hatte. "Xenion" ist eine Beratungsstelle für politisch Verfolgte. Davut K. wurde dort seit kurzem therapeutisch behandelt, weil er nach Angaben der Ärzte in der Türkei gefoltert worden war und "eindeutig traumatisiert" sei, wie sein Psychotherapeut Dietrich Koch sagt. Aufgeregt habe der junge Kurde berichtet, er sei auf dem Weg in der U-Bahn kontrolliert worden. Nach Polizeiangaben fuhr Davut K. schwarz und lief bei der Kontrolle davon. Streifenpolizisten der Direktion 3 folgten ihm, klingelten bei "Xenion" und verlangten Einlass. Dies habe er verwehrt, sagt Koch. "Wir sind eine Beratung, haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Patienten und stehen unter Schweigepflicht." Daraufhin hätten die Einsatzkräfte mit Verweis auf "Gefahr im Verzug" gewaltsam die Wohnungstür geöffnet und den Psychotherapeuten beiseite gedrückt. "Die Polizisten sind anschließend mit gezogenen Waffen in die Praxis gestürmt", sagt Koch. Kurz, nachdem die Beamten in die Praxisräume eindrangen, habe er einen Aufprall gehört. Noch offen ist nach den Polizeiermittlungen, ob Davut K. aus Panik aus dem Fenster gesprungen sei oder sich auf einen Fenstersims flüchten wollte und dabei abgestürzt sei. Der Therapeut und die Polizisten fanden ihn schwer verletzt im Innenhof des Hauses liegend. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht.

Nach Angaben seines Rechtsanwalts Dündar Kelloglu wuchs Davut K. in Kurdistan auf und engagierte sich politisch für die Unabhängigkeit der Region. 1999 sei er in der Türkei wegen Mitgliedschaft in der PKK zu zehn Jahren verurteilt worden. Da er sich unter Folter bereit erklärt habe, für den türkischen Geheimdienst zu spitzeln, sei er aber aus der Haft entlassen worden. Dies habe er genutzt, um nach Deutschland zu fliehen. Sein Antrag auf Asyl wurde nach Kelloglus Angaben abgelehnt - als "offensichtlich unbegründet". Die Unterlagen seien gefälscht, und da er nicht im Gefängnis gesessen habe, drohe ihm keine Verfolgung, so die Argumentation der Behörden. Das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge wollte sich gestern nicht zu dem Fall äußern. Nach Angaben des Anwalts habe ein Gericht die Ablehnung bestätigt, allerdings ohne die Unterlagen neu zu überprüfen. Daraufhin wurde der 20-Jährige zur Fahndung ausgeschrieben, bestätigte die Innenverwaltung gestern.

Der Psychotherapeut Koch sagte nach dem Sturz, er sei "absolut schockiert. Ich hätte nie gedacht, dass hier ein solcher Vorfall möglich ist." Ein Sprecher der Polizei sagte dagegen: "Es handelte sich um einen Straftäter, der sich der Personalienfeststellung entzog. Da werden alle nötigen polizeilichen Maßnahmen durchgeführt."

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