Berlin : Angst vor Handys: Grüne wollen Funkstille

Netzbetreiber weisen Forderung nach weniger Antennen als „physikalischen Unfug“ zurück

Stefan Jacobs

Berlin gilt als wichtiger Testmarkt für die neue UMTS-Mobilfunktechnik, und die Grünen wollen die Menschen vor unnötiger Strahlenbelastung schützen. Den Anfang macht eine Beschlussvorlage für die heutige Bezirksverordnetenversammlung Pankow. Darin wird das Bezirksamt beauftragt, gemeinsam mit den Netzbetreibern eine Übersicht über vorhandene und geplante Antennenstandorte zu erstellen und zu veröffentlichen. Bürger sollen ein Mitspracherecht bei der Standortsuche bekommen, neue Antennen sollen auf möglichst hohen Gebäuden errichtet und beispielsweise Kitas in „mobilfunkfreie Räume“ verwandelt werden. „Man muss ja nicht in jedem Hinterhof telefonieren können“, sagt Claudia Hämmerling, Verbraucherschutz-Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus.

Allerdings gehören zum Telefonieren immer zwei, nämlich die Mobilfunk-Antenne auf dem Dach einerseits und das Handy am Ohr andererseits. Und das strahlt umso stärker, je weiter die nächste Sendeanlage entfernt ist (siehe Kasten). T-Mobile-Sprecher Georg von Wagner bezeichnet den Vorstoß deshalb als „psychologisch verständlich, aber physikalischen Unfug“: Eingeschaltete Handys würden die elektromagnetische Strahlung im „mobilfunkfreien Raum“ höher steigen lassen als anderswo.

Die Grünen begründen ihren Vorstoß auch damit, dass „in den nächsten Monaten in Berlin 1500 zusätzliche Sendeanlagen für die UMTS-Technik installiert“ würden. Allerdings ist die Standortsuche der Netzbetreiber in Berlin für den Marktstart so gut wie abgeschlossen: „Die Antennen sind weitgehend aufgebaut, das Netz steht im Großen und Ganzen“, sagt Anka Vollmann, Sprecherin von D2-Vodafone. Bei T-Mobile heißt es, dass noch etwa 50 von 300 Standorten fehlen. Und Konkurrent E-Plus hatte schon zu Jahresbeginn die Hälfte seiner rund 600 Berliner UMTS-Anlagen installiert.

Im Herbst soll das neue System funktionieren. Muss es auch, denn mit der Ersteigerung der 50,5 Milliarden Euro teuren UMTS-Lizenzen haben die Netzbetreiber auch die Verpflichtung übernommen, bis Ende 2003 einem Viertel der Deutschen die neue Technik zur Verfügung zu stellen. Also werden die Großstädte zuerst versorgt. Jede Antenne muss von der Regulierungsbehörde genehmigt werden – egal, ob sie auf einem neuen Mast oder an einem bestehenden Standort montiert wird.

Die Kriterien dafür sind bundeseinheitlich geregelt, aber im letzten September hat der Senat eine Berliner Sonderregelung beschlossen, die den Eigentümern öffentlicher Gebäude ein Widerspruchsrecht gegen die Antennen einräumt und einen dreifachen Abstand zum nächstgelegenen Wohnraum verlangt. Die Netzbetreiber betrachten diese Regelung als politische Willkür und hatten zunächst angekündigt, möglichst auf Dächer privater Häuser auszuweichen, für die die Regelung nicht gilt. Inzwischen habe sich die Zusammenarbeit mit den Bezirken jedoch verbessert, so dass der Streit ohne große Folgen blieb. Im Fall eines Boykotts wären dem Land nicht nur Mieteinnahmen von mehreren tausend Euro pro Jahr und Standort entgangen. Mitunter hätten die Antennen in Einzelfällen auch umso stärker – etwa vom Nachbarhaus aus – in Schulen oder Kitas gestrahlt. Die Grünen wollen deshalb einen Mindestabstand von 250 Metern zwischen solchen „sensiblen Bereichen“ und Mobilfunkmasten durchsetzen. Aber die Handys strahlen weiter.

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