Berlin : Angst vorm Baden gehen hat er nicht

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Von Annekatrin Looss

Stoisch blicken die Schwäne aufs Wasser. Langweilen sie sich? Kein Ball zerstört den Spiegel der Wasseroberfläche, kein Kinderschrei zerreist die Stille im Strandbad Tegeler See. Doch Richard Gruhnke hofft, das sich das bald ändert. Seit einer Woche hat er seine Strandbäder geöffnet, von Besucheransturm kann noch keine Rede sein. „Das Wetter ließ mich anfänglich ein bisschen im Stich.“ Seit einer Woche ist der 52-jährige Gruhnke Berlins zweitgrößter Badbetreiber nach den Bäderbetrieben. Drei Freibäder hat er in diesem Sommer gepachtet. So hilft er den Bäderbetrieben beim Sparen und rettet sein Geschäft.

In allen drei gepachteten Strandbädern – Lübars, Tegeler See und Plötzensee – hat Gruhnke ein Restaurant. „Wenn die Bäder im Sommer geschlossen geblieben wären, hätte ich auch meine Restaurants zu lassen können“, sagt Gruhnke. Und ehe man ihm einen fremden Pächter vor die Nase setzt, mit dem es vielleicht Streit um die Öffnungszeiten gebe, mache er es lieber selbst. 40000 Euro hat er in die Bäder investiert, für Reparaturen, Seifenspender und Papierhandtücher. 15 Leute hat er eingestellt, Rettungsschwimmer, Schwimmmeister, Badewarte.

Einer davon sitzt an der Bar und trinkt Kaffee. Das sei sein Vorteil gegenüber den Bäderbetrieben, sagt er. Wenn das Wetter schlecht sei, könne er seine Leute einfach wieder nach Hause schicken. Seine Angestellten haben flexible Arbeitsverträge. Dass er mit dem Bad dennoch nicht reich werde, sei klar. Wenn am Ende der Saison eine schwarze Null in der Bilanz stehe, sei er schon zufrieden. Dann will er die Bäder auch in den nächsten Jahren pachten. Nur für seine Restaurants erhofft sich Gruhnke einen Zugewinn. Er wird seine Bäder sehr früh öffnen, damit die Leute frühstücken. Und auch für die Abende hat Gruhnke eine Menge geplant: Cocktail-Specials, Grillabende, Oldie-Partys. Bis zehn Uhr sollen die Leute mindestens bleiben. Die Bäderbetriebe haben die Tore meist gegen 19 Uhr geschlossen.

Wie viel Gewinn er zusätzlich erwarte, habe er nicht ausgerechnet, sagt Gruhnke. „Ich probiere das in diesem Sommer einfach und lass mich überraschen, was am Ende dabei herauskommt.“ Überhaupt gibt es bei der Arbeit von Richard Gruhnke wenig Probleme, solche, die sich nicht lösen lassen. Gern hätte er zum Beispiel weniger Eintritt genommen als die Bäderbetriebe. 2,50 Euro für eine Kinderkarte findet er zu viel. Nun gibt er den Kindern einen Gutschein, dazu – für ein Eis oder etwas zu trinken. Auch den Ferienpass akzeptiert er. Andere Pächter hatten ihre Probleme mit der Karte, die – einmal für neun Euro gekauft – den ganzen Sommer über freien Eintritt gewährt. „Da ich mit dem Bad kein Geld verdienen will, kann ich auch den Pass akzeptieren. Das ist doch eine hervorragende Erfindung, gerade für Familien mit Kindern“, sagt Gruhnke, selbst Vater eines sechsjährigen Sohnes.

Hat er keine Angst vor einer Pleite, wie sie Jürgen Strahl im vergangenen Jahr erlitt? Strahl hatte das Bad am Humboldthain von den Bäderbetrieben gepachtet, noch immer seien Rechnungen in Höhe von mehreren tausend Euro offen, sagt der Bädervorstand Klaus Lipinsky, der von seinen Pächtern in diesem Jahr zur Sicherheit eine Kaution von 25000 Euro verlangt hat. Strahl habe ja ein richtiges Freibad gepachtet, mit Becken und Wasseraufbereitungsanlage, sagt Gruhnke, das sei teurer als Strandbäder zu betreiben. Der See reinige sich ja von selbst. „Hauptsache, das Wasser fängt nicht an zu blühen. Dann hab ich ein richtiges Problem“, sagt er. Niemand werde mehr kommen und er könne nichts dagegen tun. Selbst wenn alles schief geht: Gruhnke betreibt neben seinen Restaurants noch einen Partyservice, der das große Minus am Ende ausgleichen könnte. 42 richtige Sommertage braucht er, um keine Miesen zu machen, hat er ausgerechnet. Nun muss der Sommer richtig losgehen.

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