Berlin : Anhaltendes Chaos

Bei der S-Bahn kam es auch gestern zu Ausfällen – eine Folge der Rationalisierungen, sagt ein Lokführer

Claudia Keller

Auch gestern gab es wieder erhebliche Einschränkungen im S-Bahn-Netz aufgrund von Personalmangel. Die S-Bahn-Führung ist zuversichtlich, dass sich die Lage am heutigen Montag entspannt. „Dann sind die zwei Tage vorbei, während derer man sich ohne ärztliches Attest krankmelden kann“, sagte Bahnsprecher Gisbert Gahler. Er vermutet, dass die 60 Lokführer, die sich am Sonnabend krankgemeldet hatten, dann wieder zum Dienst erscheinen werden. Wenn nicht, könne auch an einem Werktag, wenn bis zu 600 Lokführer gebraucht werden, das Fehlen von zehn Prozent der Mitarbeiter nicht ausgeglichen werden.

Gestern versuchte die Bahn, die Ausfälle auf einige Strecken zu konzentrieren, damit auf den restlichen der Verkehr wieder normal laufen konnte. So fuhr die Bahn S 85 zwischen Waidmannslust und Grünau gar nicht, und die S 5, 25, 46 und 75 fuhren nur alle 20 Minuten. Dafür konnte man auf den anderen Strecken in den Hauptsverkehrszeiten wieder alle zehn Minuten mit einer Bahn rechnen.

Hinter den überdurchschnittlich vielen Krankmeldungen stehen vermutlich interne Auseinandersetzungen zwischen Bahnmitarbeitern und Konzernführung um eine höhere Wettbewerbsfähigkeit und Rationalisierungen bei der S-Bahn. Denn ab 2008 sollen Teilbereiche des S-Bahn-Netzes privatisiert werden. Die Berliner S-Bahn ist eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Bahn.

Bis Ende 2006 hatte die S-Bahn ihren eigenen Haustarifvertrag, der eine Arbeitszeit von 35 Stunden, Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen und weitere Vereinbarungen zum Wohle der Mitarbeiter enthielt. Jetzt gilt der Konzerntarifvertrag der Deutschen Bahn, in dem viele S-Bahner eine Verschlechterung sehen. Außerdem wurde zum Fahrplanwechsel Ende Mai ein neuer Dienstplan eingeführt, den viele Lokführer als „unsozial“ ablehnen. So werde jetzt keine Rücksicht mehr darauf genommen, wie weit Einsatz- und Wohnort auseinanderliegen. Auch blieben zwischen zwei Diensten faktisch oft nur noch neun Stunden Ruhezeit. „Das geht an die Substanz“, sagt Lokführer Peter Polke. Zumal viele Kollegen aus Angst vor Stellenabbau in den vergangenen Monaten viele Überstunden gemacht hätten. Er vermutet, dass sich jetzt viele stressbedingt krankgemeldet hätten. Er selbst hat am Wochenende gearbeitet. „Wenn es bei dem Rationalisierungswahn bleibt, wird es noch schlimmer, da werden noch viel mehr Züge ausfallen“, sagt Polke.

S-Bahn-Sprecher Gahler verteidigt die neuen Dienstpläne. Man wolle „eine möglichst hohe Fahrleistung bei möglichst geringem Ressourceneinsatz“ erzielen. Im Klartext: Weniger Mitarbeiter müssen mehr leisten. Dass es dabei zu Reibereien komme, hält er für normal. Die dürften aber nicht auf dem Rücken der Kunden ausgetragen werden. Die Bahn prüft nun, ob es sich bei den Krankmeldungen um einen abgesprochenen, illegalen Streik handelte. Polke schließt das aus. Einig sind sich Sprecher und Lokführer nur in einem: „So funktioniert der Laden nicht.“

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