Berlin : Anleitung zum Glücklichsein

Das Projekt „Sunny Side Up“ hilft psychisch kranken Eltern und ihren Kindern Für die Miete der Beratungsräume und Spiele werden Spenden benötigt

Annette Kögel

So viele Bewerbungen gab es für unsere Weihnachtsspendenaktion noch nie: Mehr als 160 Mappen von sozialen Vereinen sind eingegangen. Der Spendenverein hat alle sorgsam gesichtet und geprüft. Wegen der großen Nachfrage werden wir in diesem Jahr noch mehr Projekte bedenken. Ab heute bis Weihnachten stellen wir die ausgewählten alle zwei Tage vor – und bitten Sie, liebe Leser, um Spenden. Heute: ein innovatives Projekt für psychisch kranke Eltern.

Man kann sich so etwas nur schwer vorstellen: Als die Psychologin das erste Mal bei Petra Lehmann (Name geändert) zu Besuch war, ließ die 38-Jährige den Schlüssel zur Wohnung in einem Korb an einer Schnur herunter. Jedes Zimmer war abgeschlossen, die Rollläden waren heruntergelassen. Frau Lehmann leidet unter Verfolgungswahn, sie ist psychisch krank. Und sie erzieht ein Kind. Sie ist eine von 22 000 Müttern in Berlin mit schweren Depressionen oder Psychosen.

„Sunny Side Up“ heißt ein neues – und neuartiges – Hilfsprojekt für Kinder und ihre psychisch kranken Eltern (Telefon 78 00 66 31). Der Name kommt von dem amerikanischen Ausdruck für ein Spiegelei, das so gebraten wird, dass das Eigelb oben liegt und orange strahlt. Mehr Farbe, mehr Lebensfreude, das will das Dreier-Team von „Sunny Side Up“ seinen Klienten ermöglichen. Nomen est omen: In der freundlich eingerichteten, außen rot gestrichenen Remise an der Schöneberger Czeminskistraße 4 steht ein Glas mit Gummidrops in Spiegeleierform.

Meist sind es alleinerziehende Frauen, die auf dem Beratungssofa Platz nehmen. Dreißig Klientinnen sind es schon, obwohl das Team gerade erst begonnen hat. Die Psychologinnen Claudia Deetjen und Kathrin Stöckigt kooperieren bereits mit dem Auguste-Viktoria-Krankenhaus, sprechen Patientinnen vor der Entlassung auf die Beratung an. „Psychische Erkrankungen sind für viele immer noch ein Tabu“, sagt Diplom-Pädagogin Martina Seidemann. Ein Drittel der Kinder von psychisch Kranken bekommt selbst Probleme. Da schlägt ein Kind vermeintlich grundlos auf andere ein. Ältere Kinder hingegen „funktionieren“ oft zu perfekt: „In einer Familie hat die zwölfjährige Tochter die Ämterkorrespondenz für ihre Mutter übernommen. Oder wir hatten einen Fall, bei dem ein Zehnjähriger sein Geschwisterchen in der Kita eingewöhnt hat.“ Einmal wurde ein Kind regelrecht zu Hause vergessen, als die Mutter in die Klinik kam. In solchen Fällen wird natürlich dann auch der Entzug des Sorgerechts geprüft.

Die Kinder müssen oft erst lernen, eigene Gefühle zu erkennen. Lernen, dass es ihnen gut gehen darf, auch wenn die Mutter leidet. Die Mitarbeiterinnen gehen spielerisch auf sie zu, mit Büchern wie dem „Seelenvogel“ oder „Sonnige Traurigtage“. Doch das Team wünscht sich zum Beispiel Bodenmatten für Körperübungen oder Fantasiereisen – viele Kinder kennen liebevolle Berührungen gar nicht. Die Arbeit des innovativen Teams, das übergreifend mit Gesundheits- und Jugendämtern kooperiert und neue Kinder- und Jugendgruppen eröffnet, ist über Einzelfallhilfe und Hilfen zur Erziehung personell ausgestattet. Doch was fehlt, ist die Absicherung der Miete der Beratungsräume. Die Mitarbeiterinnen von „Sunny Side Up“ hoffen da auf die Hilfsbereitschaft der Tagesspiegel-Leser.

Petra Lehmann, der Frau mit dem Verfolgungswahn, geht es übrigens besser. „Ich habe sie gerade auf der Straße getroffen. Sie hat mich angesprochen, konnte mir sogar in die Augen sehen und hat gestrahlt“, sagt Martina Seidemann.

Das Spendenkonto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, Ktnr. 25 00 30 942, BLZ 100 500 00. Onlinebanking ist möglich. Notieren Sie Namen und Anschrift für den Spendenbeleg. Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion.

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