Berlin : Anna Sokolowski (Geb. 1912)

Sie wahrte die Fassade und ihre kerzengerade Haltung.

Barbara Bollwahn

Sie kam im Gefängnis von Gilgenburg zur Welt, Ostpreußen. Ihr Vater war Aufseher, die Familie lebte in einer Dienstwohnung. Fünf Jahre später fiel der Vater bei Verdun, die Mutter zog mit den vier Kindern in ein Zimmer bei Verwandten. Die Mutter war krank, worunter sie genau litt, ob sie psychisch krank war oder epileptische Anfälle hatte, darüber wurde nicht gesprochen. Auch Anna Sokolowski breitete später über vieles den Mantel des Schweigens. Und die Angst, selbst krank zu werden, begleitete sie ihr Leben lang.

Mit 17 kam sie nach Berlin. Die Mutter hatte sie, ohne sie zu fragen, an der Lehranstalt eines katholischen Nonnenstifts angemeldet. An einer so genannten „Klopsakademie“ lernte sie kochen, waschen, Schreibmaschine schreiben, Stenografie. Bilder aus den dreißiger Jahren zeigen eine hübsche Frau, stets in kerzengerader Haltung, elegant gekleidet.

Sie bekam eine Stelle als Hausdame im Hotel „König von Portugal“. Dort bezog sie selbst ein Zimmer. Vom Toilettenfenster aus konnte sie das Stadtschloss sehen. Das Hotel gehörte zum Textilkonzern „C & A“, der es für seine Einkäufer vorgesehen hatte.

Sie unternahm Reisen, besonders gerne an die See, viele gemeinsam mit ihrer Chefin, die ihr zur Ersatzmutter wurde. Bei den Männern war sie wählerisch. Erst 1940 lernte sie einen kennen, der ihr gefiel. Einen Schneider, aus Ostpreußen wie sie. Als sie ihn heiratete, war sie 31 und galt fast schon als spätes Mädchen, das seine schönsten Jahre hinter sich hatte.

Ihr erstes Kind, eine Tochter, brachte sie im Dezember 1944 im Luftschutzbunker am Alexanderplatz zur Welt. Der Mann war im Krieg, der „König von Portugal“ war von einer Bombe getroffen. Anna Sokolowski hatte ein Silberbesteck für zwölf Personen aus ihrer Aussteuer retten können, einen Löffel und eine Gabel, ebenfalls aus Silber, mit „C & A“-Gravur und einen Kleiderbügel vom Hotel. Das alles packte sie aufs Baby und irrte mit dem angekohlten Kinderwagen durch die brennende Stadt. Man schickte sie auf einen Bauernhof bei Wittenberge. Als die Russen kamen, versteckte sie sich zwei Wochen lang mit dem Baby in einem Zimmer, in dem kurz zuvor eine alte Frau gestorben war. Das alles war so traumatisch, dass ihre Kinder die Erlebnisse später nur mühsam aus ihr herausfragen konnten.

Im Juli 1945 kehrte ihr Mann aus der Gefangenschaft zurück. Er brachte die Familie im amerikanischen Sektor unter, in einem Zimmer in Schöneberg. Äußerlich hatte er den Krieg unversehrt überstanden. Innerlich nicht. Es spielten sich schlimme Szenen ab. Und Anna Sokolowski wahrte die Fassade und ihre kerzengerade Haltung. Ihr Mann nähte und ging auf Hamstertouren, sie putzte bei einem Amerikaner und war froh, abgelegte Babykleidung und Hershey-Schokolade zu bekommen.

Im Frühjahr 1946 saß sie einen ganzen Tag lang weinend auf dem Viktoria- Luise-Platz. Sie war wieder schwanger. Im Januar 1947 kam ihr Sohn zur Welt. Es war bitterkalt, die Windeln wusch sie mit dem Schmutzwasser einer Bäckerei.

Die Teilwohnung, die die Familie ein Jahr darauf bezog, lag in einem zerbombten Haus in der Eisenacher Straße. Die Außenwände waren mit Pappe zugeklebt. Vorne wurde die Wohnungstür verschlossen, hinten gelangte man über einen Schuttberg hinein. Für Anna Sokolowski war es eine Traumwohnung, ihre erste eigene, mit Wasser, einer Kochgelegenheit, Parkettboden und Platz für die Schneiderwerkstatt des Mannes. Sie bügelte Nachthemden, legte ihnen ein Schleifchen um und transportierte sie mit dem Kinderwagen in die Textilfabrik in der Potsdamer Straße. Pro Hemd gab es einen Pfennig.

In den fünfziger Jahren konnte sie an ihre alten Verbindungen zu „C & A“ anknüpfen und bekam eine Stelle als Aushilfe. Nachts bügelte sie weiter Nachthemden. Über das Rote Kreuz machte sie ihre Mutter ausfindig und holte sie nach Berlin. Glücklich war sie, wenn alle zusammen waren und Karten spielten, oder wenn sie mit ihrem Sohn Kuchen buk.

1964 starb ihr Mann an einem Gehirnschlag; sie brach zusammen und meinte, die Welt gehe unter. Aber das Leben ging weiter. Sie erhielt eine Festanstellung bei „C & A“, ihre Tochter besuchte eine Höhere Wirtschaftsschule, der Sohn bekam ein Stipendium und studierte. All das erfüllte sie mit Stolz.

Geheiratet hat sie nicht wieder. Mit einem Mann alt werden, ja. Aber einen alten Mann heiraten, nein, das kam nicht infrage. Sie trat dem „Kolpingwerk“ bei, einem katholischen Sozialverband. Sie reiste, sang im Chor, erhielt Liebesbriefe von einem Witwer, mit dem sie eine enge Freundschaft verband. Bis zu ihrem 89. Lebensjahr konnte sie sich allein in ihrer Wohnung in Wilmersdorf versorgen, in der sie mit dem nunmehr dritten Wellensittich lebte, „Putzi, dem Dritten“.

Ein Herzklappenfehler wurde festgestellt, zudem litt sie unter Atemproblemen. Aber „beklapst“ wie ihre Mutter wurde sie zu ihrer großen Erleichterung nicht. Sie nahm ihre Tabletten und trat etwas kürzer, wenn die Luft knapp wurde. Mit 90 ging sie in ein katholisches Seniorenheim, in das auch ihre zwei besten Freundinnen einzogen. Alle zwei Wochen ließ sie sich frisieren. Sie war stolz, die bestangezogene Heimbewohnerin zu sein. Und schließlich begegnete ihr noch einmal die Liebe. Oder so etwas Ähnliches. Der Maler und Kunsttherapeut, der zwei Mal in der Woche ins Seniorenstift kam, hätte ihr Enkel sein können. Mit ihm verband die alte Frau ein inniges Verständnis. Unter seiner Anleitung malte sie Ölgemälde, Aquarelle und Stillleben in frohen Farben und ein Bild des Gefängnisses, in dem sie zur Welt gekommen war.

Bei „C & A“ bekam sie bis an ihr Lebensende 20 Prozent Rabatt. Für ihren 95. Geburtstag kaufte sie sich dort eine Bluse. Fünf Wochen vor der Feier musste sie mit Atemproblemen ins Krankenhaus. Sterben wollte sie noch nicht. Sie freute sich so auf den Dampferausflug. Einen Tag, bevor sie entlassen werden sollte, starb Anna Sokolowski. Barbara Bollwahn

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