Berlin : Anne will vorlesen Seitenliebe

Prominente und Privatleute machten sich gestern ums Buch verdient – wie die Frau von den Tagesthemen Zur Feier einer der schönsten Beschäftigungen gab es eine Gala mit dem Bundespräsidenten

Matthias Jekosch

„Ich sitze da eigentlich rum und lese im Prinzip auch vor.“ So erklärte Tagesthemen-Moderatorin Anne Will den Kindern der Jüdischen Heinz-Galinski- Grundschule, der Islamischen Grundschule Berlin und der 3a der Evangelischen Schule Charlottenburg in der dortigen Aula ihre Tätigkeit. Am Freitagvormittag verlas sie keine Meldungen über Anschläge im Irak oder Streitereien um die Gesundheitsreform, sondern eine Geschichte über Drachen.

Alles fängt damit an, dass der kleinen Effi ein mikroskopisch winziger Drache ins Auge fliegt. Schon bald bevölkern Drachen in allen erdenklichen Größen das Land und fressen alles – von Pflanzen bis Premierministern. Effi beschließt mit ihrem Bruder, den Drachentöter St. Georg zu finden. Der fühlt sich allerdings überfordert, und so ist es am Ende an den beiden Kindern, das Problem zu lösen.

Anne Will hat es beim Lesen gemütlich. In einem hohen Lehnsessel aus Holz trägt sie die Geschichte vor, neben ihr ein kleiner Tisch, auf dem eine altmodische Lampe mit gelblichem Lampenschirm und eine Kerze stehen. Das Buch in ihrer Hand, „Drachen, Katzen, Königskinder“, stammt von Edith Nesbit und ist in der „Zeit“-Kinderbuch-Edition erschienen.

Die Hamburger Wochenzeitung rief am Freitag zusammen mit der Stiftung Lesen bundesweit über 300 Prominente zum Vorlesen auf. In Berlin folgten dem unter anderem Schauspielerin Meret Becker, die Sprecher der Hörspielserie „Die Drei Fragezeichen“ und Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Bundestages. Insgesamt nahmen in Deutschland 2500 Lesepaten teil, die in Bibliotheken, Schulen oder zu Hause Kindern vorlasen.

Den Lesetag „Große für Kleine“ gibt es mittlerweile seit drei Jahren. An der Charlottenburger Schule nimmt man die Veranstaltung als Startpunkt. Die Klassenlehrerin der 3a hat mit ihren Kolleginnen der Islamischen und der Jüdischen Schule schon Nummern ausgetauscht. Sie wollen sich mit ihren Klassen zum gemeinsamen Lesevormittag treffen.

In der Aula der Schule bemerken die Schüler schon recht bald, dass es gar nicht so einfach ist, 45 Minuten zuzuhören. Füße tippen gegen Plastikbänke, ein Junge lässt zischend Luft aus einem Ballon entweichen, Taschen werden geräuschvoll verrückt. „Ruhe an sich ist ein ganz hoher Wert“, sagt Schulleiter Eckart Jendis und findet, dass viel öfter vorgelesen werden müsste. „Das fördert die Fantasie. Wir haben viel zu viele Bilder.“ Das Medium Fernsehen und seine Repräsentantin Anne Will sind daran natürlich nicht unschuldig. Die 40-Jährige findet aber, dass ein Medienmix das Richtige ist. „Die Kinder sollen hier an Bücher herangeführt werden. Später sollen sie sich aus allen Medien informieren, die ihnen zur Verfügung stehen“, sagt sie.

Wissbegierig sind sie schon jetzt. Geduldig stellt sich Anne Will den Fragen der Kleinen. „Hast du viel Geld?“ „Wann bist du wieder im Fernsehen?“ Zeit für Scherze findet sich aber auch noch. Denn dafür eigne sich ihr Name ja hervorragend, sagt die Moderatorin. Ihr Beispiel: „Anne will vorlesen.“

Eine Gala für eine der schönsten Beschäftigungen, die es überhaupt gibt? „Mit wirklicher Freude“ folgten Bundespräsident Horst Köhler, Schirmherr der Stiftung Lesen, und Frau Eva Luise am Vorabend des bundesweiten Vorlesetages der gemeinsamen Einladung der Wochenzeitung „Die Zeit“, der Deutschen Bahn und der Stiftung Lesen in das industrieromantische E-Werk. „Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele“, mit diesem Cicero-Zitat griff Köhler auf ein Werk zurück, das auch nach über 2000 Jahren noch keinerlei Anstalten macht, sich seinem Mindesthaltbarkeitsdatum zu nähern. Man könne nicht früh genug vorlesen, denn nur wer selber Bücher liebe, könne diese Liebe weitergeben. Und dass er glücklich sei, dass sich namhafte Unternehmen für die Leseförderung engagieren.

„Lesen und Bahnfahren gehören zusammen“, diese Erkenntnis brachte Heinrich Kreibich, Geschäftsführer der Stiftung Lesen, und DB-Manager Uwe Herz vor zehn Jahren dazu, eine Partnerschaft zu organisieren. Am Rande des Dinners erinnerten sie sich an viele schöne Initiativen, zum Beispiel einen DB-Lesezug voller Kinder und vorlesender Erwachsener.

Vorlesen ist nämlich sehr in: Seit drei Jahren initiiert die „Zeit“ gemeinsam mit Partnern den bundesweiten Vorlesetag, auch das wurde gefeiert. Mit 2500 Vorlesern habe der Tag in diesem Jahr so viel Unterstützung gefunden wie nie, sagte Geschäftsführer Rainer Esser. Er überreichte einen Scheck in Höhe von 50 000 Euro aus der erfolgreichen Zeit-Edition herausragender Kinderbücher. Das Geld soll weiteren Vorleseprojekten zugute kommen. Moderatorin Marietta Slomka, Kabarettist Lars Reichow und Schriftstellerin Eva Menasse beschrieben ihre eigenen Werdegänge als enthusiastische Leser. DB-Chef Harmut Mehdorn unterstrich, wie wichtig es sei, dass Kinder zwischen all den Computern, iPods und Fernsehern auch lernen, Zeitung zu lesen. Das tut er selber gern im Zug – im Anschluss an die Arbeit am Laptop und ein darauf folgendes Nickerchen. „Wir tun was für die Qualifikation späterer Auszubildender“, begründete er das Bahn-Engagement ganz pragmatisch.

„Lesestart National“ heißt eine neue Initiative zur intellektuellen Prophylaxe, die der Präsident des Verbandes Deutscher Anlagen- und Maschinenbau, Dieter Bruchlacker, aus der Taufe hob. Bücher sollen damit künftig auch über Kinderärzte unters Jungvolk gestreut werden.

Als alle Rotbarben, Kalbsfilets und Gewürzkuchen verspeist waren, gab es noch eine Stütze für die guten Vorsätze mit auf den Heimweg: Traumhaft schöne Vorlesegeschichten von Astrid Lindgren aus der Zeit-Kinder-Edition. In besserer Begleitung kann man nicht in eine gute Nacht verreisen. Elisabeth Binder

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