Berlin : Annelise Liebe (Geb. 1911)

Wenn jemand vergaß, dass sie nichts sah, war das das größte Kompliment.

Sandra Stalinski

Was andere können, kann ich auch“, sagte Annelise Liebe. Sie war blind.

In der Zeit, in der sie aufwuchs, schien ihr Lebensweg damit vorgezeichnet: Blindenanstalt oder Bürstenfabrik. Annelise Liebe brachte es zu Habilitation, Assistentenstelle an der Universität, Vorstandsmitgliedschaft im Blindenhilfswerk und Bundesverdienstkreuz.

Aber dies ist nicht nur die Geschichte der Annelise Liebe, die es allen gezeigt hat. Es ist außerdem die Geschichte von Ilse Sommerlad, geborene Liebe, Annelises Schwester. Sie war der gute Geist im Hintergrund. Stand ihrer Schwester immer zur Seite, führte sie den langen Fußweg bis zur Arbeit, las ihr stundenlang aus Fachbüchern vor. Die letzten 50 Jahre lebten sie gemeinsam.

Als sie ein Kind war, konnte Annelise noch sehen. Die schwindenden Bilder nutzte sie, so gut sie konnte, sog sie auf, Gegenstände, Umrisse, Farben, und bewahrte sie ihr Leben lang. Mit zwölf konnte sie gerade noch Hell und Dunkel unterscheiden, mit fünfzehn gab es nur noch Schwarz.

Von klein auf machten die Schwestern alles zusammen. Beim Schlittschuhlaufen hatte Annelise zwei Kufen an den Schuhen und hakte sich bei Ilse ein. Wegen ihrer guten Noten konnte sie ein Jahr überspringen und kam in die Klasse ihrer Schwester. Bei der Konfirmation bekam jede am Altar einen Spruch zum Geleit fürs weitere Leben. Bei der Schwester hieß es: „Lobe den Herrn alle Tage! Gott hat dir eine Last auferlegt, doch er hilft dir, sie zu tragen.“ Ihren eigenen Spruch hörte Annelise gar nicht mehr. Sollte sie diese Last sein?

In der Jugend trennten sich die Wege der Schwestern. Es waren die „Goldenen Zwanziger“, Ilse genoss das Leben, nahm Tanzstunden, ging auf Studentenbälle. Für Annelise war das ein tiefer Einschnitt. Erstmals überkam sie das Gefühl, nicht mithalten zu können.

Sie stürzte sich ins Studium, Musikwissenschaften und Philosophie. Ab 1933 wollte man Behinderte von den Universitäten fernhalten. Annelise wurde zu einer Unterredung bestellt, doch wegen ihrer hervorragenden Leistungen durfte sie bleiben. Nur auffallen durfte sie auf keinen Fall. Ihr Glück: Als Blinde war sie bei kaum einer offiziellen Stelle registriert.

Es war Frühjahr 1945, als die Schwestern, wieder vereint, vor dem Trümmerhaufen standen, der ihr Haus gewesen war. Ein übler Geruch lag in der Luft. Ilse beschrieb, was sie sah, Stück für Stück. Ein Salonsessel, Balken, ein Kopf. Annelise stand stumm. Die inneren Bilder brannten sich ein, für immer.

Dennoch war sie die Erste, die sich fasste. Es galt, Geld zu verdienen und Ilses Kinder zu versorgen, ihr Mann war noch in der Gefangenschaft. Annelise schrieb Beiträge für den Rundfunk, Musikkritiken und Buchbesprechungen. Und endlich, nach vielen Absagen, bekam sie eine feste Stelle, als Assistentin bei den Musikwissenschaftlern an der Humboldt-Universität. Auch hier hatten sich die Mitarbeiter anfangs gegen eine Blinde gewehrt, aus Angst, man müsse sie sogar zum Klo begleiten. Jahre später entschuldigte sich der Professor bei ihr, oft nicht aufmerksam genug gewesen zu sein. Er habe immer wieder vergessen, dass sie nichts sah. Für Annelise Liebe war das das größte Kompliment.

Mit dem Mauerbau wechselte sie an die Freie Universität. Studenten lasen ihr stundenweise vor, jeden Text ein einziges Mal und so zügig wie möglich. Notizen machte sie sich hinterher.

Ihr phänomenales Gedächtnis konnte für andere auch zum Nachteil werden. Als ihre Nichten anfingen auszugehen und nachts spät nach Hause kamen, führte die Tante im Kopf Protokoll über Datum und Uhrzeit, um es Wochen später den Eltern zu unterbreiten.

Durch die Wohnung ging sie frei, ohne je irgendwo anzustoßen. Draußen, auf der Straße war es die Schwester, die sie führte. In Lichterfelde West waren die beiden ein bekanntes Paar. Man sah sie immer nur zu zweit.

Warum sie nie geheiratet hat? Das kam nicht infrage. Ein Sehender, da war sie sicher, würde nicht treu sein können. Für eine Blindenehe waren ihre Ansprüche zu hoch. Und ein Kind zu haben, ohne es je sehen zu können, das hätte sie nicht ertragen. Annelise Liebe hat ihre Geschichte selbst aufgeschrieben, mit 91. „Blind“, schreibt sie, „mein Horrorwort seit der Kindheit, ein Wort ohne Ableitungen. Es setzt einen Endzustand, lässt kein Ausweichen und berührt mich ebenso wie das Wort Tod.“ Sandra Stalinski

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