Berlin : Annerose Diete (Geb. 1936)

Das Leben, ein komisches, ernstes Theater

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Spielen, singen, tanzen konnten sie alle – mehr oder weniger. Doch ganz aus sich herausgehen und das nackte Gefühl auf die Bühne bringen, das mussten sie erst lernen. Ihre neuen Schüler begrüßte sie so: „Richtig, richtig – hier gibt’s kein Richtig! Ihr könnt hier keine Häkchen hinter die Übungen machen. Dienst nach Vorschrift gibt’s hier nicht! Mach deinen Reißverschluss auf, dann wirst du schon sehen, was passiert!“

Schiefe Nickelbrille, unbändiges Haar, langer Rock, weite Bluse, gestrickte Handwärmer – für eine Schauspiellehrerin wirkte sie beinahe schon zu uneitel. „Ich bin die Diete, einen Vornamen habe ich zwar auch, aber die meisten Menschen sagen Du und Diete.“

Die Diete war Legende, ihre Schüler verehrten sie. Früher oder später erlag jeder ihrem ungenierten Charme. Begegnungen erschöpften sich für sie nicht im lockeren Duzprogramm. Ihren Schülern machte sie klar: „Wenn ihr Zorn auf einen Kollegen oder einen Regisseur habt, immer raus damit, ihr könnt sonst nicht spielen, das lähmt!“

Die harten Nüsse an der Schule knackte sie am liebsten. Sie beschäftigte sich mit ihnen, auch zu Hause, fühlte sich lange in sie ein. Ihre Mimik, ihre komischen Gesichter, die vielen „Ahhs!“ und „Ohhs!“, sie sagten alles. Wie auch ihr Anrufbeantworter: Der redete und sang und deklamierte, bis nach gefühlten zehn Minuten der Piepton erklang. Keine Woche ohne neue Ansage. Mindestens ein Lied, zwei Rezitative, dreißig Befindlichkeitsabsätze und eine der Jahreszeit angemessene Begrüßungsformel. Das Leben, ein komisches, ernstes Theater.

Unvermittelt fing sie in der Warteschlange vor der Theaterkasse an, wie ein Hund zu heulen und zu bellen, weil sich vorne nichts regte. Und sie war Tierwärterin; für zwei Katzen zu Hause und für zwölf hinter ihrem Wohnblock in Weißensee. Fiel eine Verabredung zum Theater in die Fütterungszeit, musste sie verschoben werden oder fiel eben ganz aus.

Mit 14 tanzte sie bei Mary Wigman in Leipzig vor. In baumwollner Ripp-Unterwäsche, mit braunen Wollstrümpfen und rosa Strumpfhaltern kam sie auf die Bühne und musste sogleich improvisieren. Das Mädchen vor ihr hatte ihre Sonnenblumen-Nummer geklaut. Sie rutschte aus, entledigte sich wütend ihrer Strümpfe, machte einen Knicks in Richtung Prüfer und setzte ihre Sondervorführung fort. Die Jury bog sich vor Lachen; sie wurde direkt in die Klasse aufgenommen.

Als sie 17 war, quetschte ein riesiger aber gutartiger Tumor ihre Lungen zusammen, und es war fast aus mit der Tanzkarriere. Die Ärzte rätselten, woher sie die Luft zum Tanzen genommen hatte. Sie errang medizinische Berühmtheit. Und trainierte weiter hart und übernahm Engagements in Magdeburg und Potsdam. In Magdeburg lernte sie den Dramaturgen Otto Fritz Hayner kennen, 1959 heirateten sie, zwei Jahre später kam Tochter Franziska zur Welt. Tanzen, Liebe, Ehe, Kind, Karriere: über Jahre gelang es ihr, alles unter einen Hut zu bringen. Mit Anfang 30 studierte sie noch einmal Schauspiel, und bekam ein Engagement am Kleist-Theater, Frankfurt/Oder.

Als sie Herzprobleme bekam, musste sie auch ihre Schauspielkarriere beenden. Aus dem Schwerbehindertenausweis blickte eine junge Frau. Was sie gelernt hatte, auf der Bühne und im Leben, das brachte sie als Theaterlehrerin ein. Mochte der Körper nicht mehr 100 Prozent geben, ihr Kopf, ihr Wille und ihr trockener Humor gaben 200. Hier und da übernahm sie kleinere Rollen, die nachhaltigste blieb die ihrer unerschöpflichen Spontaneität. Sie starb ohne Publikum, dem Leben zuzwinkernd, ungeschminkt.

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