Berlin : Anschläge auf Autobahn: Vorsicht Steinschlag: Polizei hält Wache

Katja Füchsel

Es ist ein undankbarer Job: in der Sommerhitze, inmitten von Abgasen und Autolärm, Stunde um Stunde zu wachen. Während sich die beiden Polizisten auf der Kaiserdamm-Brücke gegen die Türen des Streifenwagens lehnen, geht ihr Blick ins Leere. Oder sie blicken auf ihren Schützling, die Autobahn. Heute schon einen Verdächtigen ausgemacht? Der Polizist winkt ab. "Wir beide haben gerade erst angefangen", sagt er. Seitdem die Polizei auf den Brücken vor und hinter dem Kaiserdamm Streifen postiert hat, müssen die Fahrer auf der Autobahn nicht mehr um ihr Leben fürchten. Mindestens fünf Mal haben hier ein oder mehrere Steinewerfer Autos mit Pflastersteinen attackiert. "Aufgrund der räumlichen Nähe spricht einiges dafür, dass es sich nicht um verschiedene Täter handelt", sagt Thomas Scherhant, Leiter der siebten Mordkomission. Mal hagelten die Steine von der Knobelsdorff-, mal von der Ostpreußen-, mal von der Kaiserdamm-Brücke. Nur durch Glück ist bislang bei den Anschlägen niemand verletzt worden.

Am Donnerstag schwärmten die Beamten zu einem Sondereinsatz aus, verteilten Handzettel und Poster in der Nachbarschaft. "Die Polizei bittet um Mithilfe", steht darauf. 5000 Mark Belohung verspricht die Polizei jedem, der sie auf die Schliche des Steinewerfers führt. Zu einem Ansturm hat die Aktion bislang aber nicht geführt. "Einige, wenige Hinweise", sagte Scherhant am Donnerstagnachmittag. Eine heiße Spur sei nicht dabei. "Bis jetzt haben wir keine brauchbare Personenbeschreibung."

Was die Werfer für einen Dummen-Jungen-Streich halten mögen, stufen die Juristen als versuchten Mord ein. Die aktuelle Serie hatte am frühen Morgen des 14. Juni begonnen. Damals zertrümmerte ein laut Polizei "unbekannter Gegenstand" die Windschutzscheibe eines 36-jährigen Fahrers. Zwei Autos wurden am 5. Juli zwischen 4 und 4.30 Uhr morgens getroffen. Anschließend fand die Polizei mehrere Pflastersteine auf der Fahrbahn. Einen Schutzengel hatte offenbar eine fünfköpfige Familie, deren Toyota zwei Tage später getroffen wurde. Die Windschutzscheibe ging zu Bruch, Eltern und Kinder kamen mit einem Schrecken davon. Am vergangenen Montag war dann eine 36-Jährige mit ihrem fünf Monate alten Sohn nur knapp einem Unglück entkommen. Sie fuhr mit ihrem Opel am Nachmittag auf der Stadtautobahn in Richtung Norden, als am Kaiserdamm ein Stein auf das gläserne Sonnendach des Wagens krachte. Die Glassplitter, die auf Mutter und Säugling niederprasselten, hinterließen keine Wunden.

Der Berliner Steinewerfer ist kein Einzelfall, aber nicht immer gehen die Anschläge so glimpflich aus. Im vergangenen Dezember sind drei Jugendliche zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Sie hatten auf einer Darmstädter Autobahnbrücke mit Kieseln angefangen, später mit handballgroßen Brocken nachgelegt. Zwei der Steine - 5,5 und 8,4 Kilogramm schwer - brachen durch die Windschutzscheiben der vorüberfahrenden Wagen und töteten zwei Frauen.

Werden die zumeist jugendlichen Steinewerfer gefasst, bleibt ihr Motiv oft nebulös. "Wir haben einfach zusammen herumgehangen, dann ist es eben passiert", sagte ein Angeklagter im Juni 2000 vor dem Cottbuser Landgericht. Die Langeweile sei größer gewesen als die Angst, dass die Tat herauskommt. Der Chef der Mordkommission kennt noch andere Gründe, die Jugendliche auf die Brücken zieht: "Abenteuerlust, Nervenkitzel, Mutprobe."

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