Berlin : Anschlag auf die Bahn: Castor-Gegner zertrümmern Fenster

Werner Schmidt

Eimerweise schafften die Helfer noch gestern Vormittag die Glassplitter weg, auf rund 100 000 bis 150 000 Mark beläuft sich nach ersten Schätzungen der Schaden, den gewalttätige Castor-Gegner gestern früh bei der Bahn-Tochter DB Cargo in Treptow hinterlassen haben. Mit Zimmermanns- und BVG-Nothämmern zertrümmerten die vermutlich aus Kreuzberg stammenden Täter 78 Scheiben am Bürokomplex des Unternehmens, das auch für den für Ende des Monats geplanten Castor-Transport zuständig sein soll. Dagegen machen die Gegner bundesweit mobil.

An eine Wand sprühten die Unbekannten "Ohne Bahn kein Castor ...". Durch die zertrümmerten Scheiben warfen die Täter zwei vermutlich mit Buttersäure gefüllte Flaschen, die aber nicht zerplatzten. Außerdem fand die Polizei am Tatort etwa 20 Nebelwurfkörper. Diese hatten ebenfalls nicht gezündet. Etwa 20 Personen sollen es nach Zeugenaussagen gewesen sein, die gegen 0.50 Uhr den Bürokomplex der Bahn angriffen. Innerhalb weniger Minuten zerschlugen sie die aus Sicherheitsglas bestehenden Scheiben im Erdgeschoss entlang der Eichenstraße hinter den Treptowers. Ein Pförtner, der am Tresen in der Empfangshalle saß, musste dem zerstörerischen Treiben hilflos zusehen. Er benachrichtigte die Polizei.

Als die Beamten eintrafen, waren die etwa 20 dunkel gekleideten und vermutlich maskierten Täter bereits auf Fahrrädern verschwunden. Lediglich einer der Angreifer soll nach Auskunft von Zeugen eine orangefarbene Jacke getragen haben. Am Tatort hinterließen die Täter vier Nothämmer der BVG sowie zwei jeweils halbvolle mit Buttersäure gefüllte 0,33-Liter Flaschen und 20 Nebelgranaten. Diese stammen aus Militärbeständen des früheren Ostblocks. Warum sie nicht zündeten, ist derzeit noch nicht geklärt. Sicherheitskräfte am Tatort vermuteten, dass die Granaten wegen Überlagerung nicht funktionierten.

Der ermittelnde Staatsschutz bittet weitere Zeugen, sich zu melden. Hinweise werden unter den Telefonnummern 699 37 610/-518 entgegengenommen. Die letzten Anschläge von Castor-Gegnern in Berlin hatten, wie berichtet, am 27. Februar zwei Fahrzeugen der Bahn gegolten. Die am Werkstättenring in Halensee geparkten Autos waren angezündet worden und brannten vollständig aus. Kurze Zeit später waren Hakenkrallenanschläge auf Bahnstrecken in Brandenburg, Niedersachsen und Hessen verübt worden. Verletzt wurde dabei niemand.

Die Berliner Grünen verurteilten gestern den Anschlag auf die Bahn: "Widerstand muss friedlich bleiben", sagte deren umweltpolitischer Sprecher, Hartwig Berger. Nur gewaltfrei blieben die Atomgegner glaubwürdig und wirksam. Innensenator Eckart Werthebach sprach davon, dass er es nicht hinnehmen werde, "dass eine gewalttätige Minderheit demokratisch legitimierte rechtsstaatliche Entscheidungen zu untergraben versucht". Auch rund 600 Polizisten aus Berlin werden laut Werthebach den Transport sichern.

Die Szene-Zeitschrift "Interim" der Berliner Autonomen befasst sich in ihrer Ausgabe von Anfang des Monats ausführlich mit Anschlägen auf die Bahnstrecke. Das reicht vom Entfernen von Gleisstücken bis zum Lösen der Muttern. Dabei gehen die Verfasser sogar selbstkritisch mit den eigenen Vorschlägen um: Um die Muttern leichter lösen zu können, solle man ein Kriechöl ("Caramba") verwenden. Dabei wird darauf hingewiesen, dass der Rostlöser "nicht ganz Öko" ist. Gleichzeitig weisen die Verfasser darauf hin, dass in der Zeit des vermutlichen Castor-Transports in Hannover die Cebit stattfindet: "Wir haben mit 8015 Unternehmen aus 60 Ländern dort ein riesiges Forum, um unser Anliegen öffentlich zu machen und Deutschland bloßzustellen ... Es gibt unzählige Möglichkeiten, dort zu intervenieren... PACKEN WIR ES AN!", heißt es in "Interim"

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