Berlin : Anschlag auf Synagoge: Die Steinewerfer waren schneller als die Polizei

Jörn Hasselmann

Wegen des bevorstehenden jüdischen Versöhnungsfestes und der für den Freitagnachmittag angekündigten Demonstration von Palästinensern hatte die Polizei geplant, die Sicherheitsvorkehrungen vor den jüdischen Einrichtungen drastisch zu verschärfen. Die Täter, die am frühen Freitagmorgen vier Pflastersteine auf die Synagoge am Fraenkelufer geworfen hatten, kamen ihnen zuvor. Bei dem Anschlag wurden drei Glasscheiben zerstört. Entdeckt wurde die Tat um 3 Uhr früh von einem privaten Sicherheitsdienst. Denn die Kreuzberger Synagoge wird nicht ständig von der Polizei bewacht, sondern nur stündlich von einer Streife angefahren. Der Staatsschutz hatte am Abend noch keine Spur von den Tätern.

"Es ist möglich, dass die Täter die Zeiten der Polizeistreifen ausgekundschaftet haben", sagte Innensenator Eckart Werthebach gestern. Die vier Pflastersteine wurden von den Tätern mitgebracht, so Polizeipräsident Hagen Saberschinsky. Der materielle Schaden ist gering. Es sei denkbar, dass die Täter aus dem rechtsextremistischen Bereich kämen, denkbar sei aber auch, dass es einen "palästinensischen Hintergrund" gebe. "In der Vergangenheit wurden immer häufiger außenpolitische Probleme nach Berlin gebracht", sagte Werthebach.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama geht nicht von einem Anschlag durch Palästinenser aus. "Das sehe ich nicht. Die schicken nur ab und zu Flugblätter." Der Leiter des Staatsschutzes, Peter-Michael Haeberer, sagte dem Tagesspiegel, dass nach den Ereignissen auf dem Tempelberg ein "arabischer Hintergrund" sehr wohl möglich sei. "Ich schließe einzig einen Dummen-Jungen-Streich aus. Nicht nachts um 2 Uhr 18."

Zu dieser Uhrzeit war die Polizei letztmals an der Synagoge am Landwehrkanal gewesen. Ebenfalls stündlich machte ein privates, von der Jüdischen Gemeinde bezahltes Wachschutzunternehmen die Runde. Etwa jede halbe Stunde schauen Polizei und Firma abwechselnd an der Synagoge vorbei. Die Polizei schützt derzeit 49 jüdische Einrichtungen mit 278 Polizisten. Nur zentrale Stätten wie an der Oranienburger Straße werden rund um die Uhr von Polizisten bewacht.

Ein Polizist, der gestern Vormittag am Fraenkelufer patrouillierte, äußerte sich verwundert darüber, dass nach dem Anschlag in Düsseldorf nicht eine ständige Bewachung veranlasst worden sei. So sei es auch nach dem Sturm auf das Konsulat und anderen Vorfällen gehandhabt worden. "Wir fahren nur vorbei und gucken." Der Beamte berichtete, dass vor der Kreuzberger Synagoge lange Zeit ein Bauwagen gestanden habe - als getarnter Unterschlupf für die Polizisten.

Verstärkt wurde die Bewachung der Kreuzberger Synagoge nur bei Gottesdiensten und jüdischen Feiertagen. Nachama und Saberschinky betonten, dass der Schutz von Menschen wichtiger sei als von Sachen. Für den Schutz von Gebäuden stünden 35 Millionen Mark zur Verfügung, sagte Werthebach, die in diesem Jahr noch nicht ganz ausgeschöpft wurden.

Die Synagoge am Fraenkelufer ist bislang kaum gesichert. Nur zwei der sechs seitlichen Fenster, die der Straße am nächsten liegen, haben einen Schutz. Diese beiden - auf die auch geworfen wurde - sind mit einer Schutzscheibe aus Klarglas gesichert. Nach Auskunft des Glasers hatten sie 6 Millimeter Stärke. Das ist doppelt so viel wie simples Fensterglas, aber nicht ausreichend, um faustgroße Steine abzuwehren. Das dem Grundstückszaun mit 50 Zentimetern Abstand am nächsten gelegene Fenster ist zusätzlich durch zwei Stahlstangen gesichert. Ein Wachpolizist wunderte sich, "wieso die Scheiben nicht aus Sicherheitsglas sind".

Die beiden Schutzscheiben haben weitgehend die farbigen Kirchenfenster geschützt, denn nur eines der 10 mal 30 Zentimeter großen Elemente der Bleiverglasung zersplitterte. Die drei Fenster der Synagoge im apsisartigen Halbrund sind dagegen durch ein stabiles Drahtgeflecht vor Steinwürfen geschützt. Auch diese drei Fenster sind sehr dicht an der Straße. Beamte des Staatsschutzes suchten auf dem Rasen vor der Apsis nach weiteren Steinen, jedoch ohne Ergebnis.

Nur ein Pflasterstein drang in die Kirche ein, einer wurde auf dem Fenstersims gefunden, zwei auf dem Rasen. Poller gegen Kraftfahrzeuge wie vor dem jüdischen Gemeindezentrum in der Joachimstaler Straße, gibt es am Fraenkelufer nicht, allerdings besteht Halteverbot auf beiden Straßenseiten. Auch eine Videoüberwachung gibt es nicht. Innensenator Werthebach betonte gestern, dass zunächst die rechtliche Grundlage für eine allgemeine Kamera-Überwachung geschaffen werden muss.

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