Berlin : Anschluss fürs Leben

Die Kirchliche Telefonseelsorge feierte am Wochenende ihren 25. Geburtstag. Ihre Mitarbeiter haben vielen geholfen – oder ihnen wenigstens zugehört.

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Berlin - Am ersten Adventssonntag war fast kein Durchkommen: „Alle unsere Mitarbeiter sind im Gespräch“ hieß es unter der kostenlosen Nummer 0800 – 111 0 222 der Kirchlichen Telefonseelsorge Berlin-Brandenburg (KTS). „Vor Weihnachten wird vielen bewusst, wie einsam sie sind“, sagt Uwe Müller. „Sie bekommen Panik, wenn sie an die bevorstehenden Feiertage denken.“

Uwe Müller leitet die KTS – mehr noch, er hat sie vor 25 Jahren mitgegründet. Als am Wochenende der katholische Erzbischof Rainer Maria Woelki und der evangelische Bischof Markus Dröge mit einem ökumenischem Gottesdienst daran erinnerten, dachte er an seinen allerersten Dienst im November 1988. „Mein Mitstreiter und ich hatten Rotkäppchen-Sekt besorgt“, erzählt er. „Nach dem ersten Anruf wollten wir anstoßen.“

Grund genug hätten die beiden Mitarbeiter der Diakonie in Ost-Berlin gehabt: Schließlich hatten sie zwei Jahre lang dafür gekämpft, in der DDR einen telefonischen Beratungsdienst einrichten zu können. „Erst fehlten angeblich Telefonanschlüsse, dann wurde oft von Mitarbeitern der Staatssicherheit mitgehört, manchmal unterbrachen die sogar die Gespräche“, erinnert sich Müller. Nach der Wende riefen nicht wenige dieser Mitarbeiter wieder an: „Sie waren die ersten Arbeitslosen im Osten, für viele war eine Welt zusammengebrochen“, sagt Müller: „Es war aber auch schwer für unsere Mitarbeiter, die in der DDR gelitten hatten, jetzt ausgerechnet diese Leute zu beraten.“

Inzwischen hat die KTS 142 ehrenamtliche Mitarbeiter, die aus West und Ost kommen – diese bekommen etwa 50 000 Anrufe pro Jahr. Rund um die Uhr sind sie für Menschen aus Berlin und Brandenburg, manchmal aus ganz Deutschland, erreichbar, bemühen sich um Hilfe, geben Ratschläge oder hören einfach zu.

„Man kann oft helfen, aber man muss auch aushalten, wenn man mal nichts tun kann“, sagt Uwe Müller. Tief bewegt hat ihn beispielsweise der Anruf eines sehr alten Mannes, der von seinem Zimmer aus auf den Friedhof mit dem Grab seiner vor zehn Jahren verstorbenen Frau schauen konnte. „Zwei Tage zuvor war auch noch seine Katze gestorben – er wollte von mir wissen, wie er sich sanft und schnell umbringen könne“, erzählt Müller. „Ich verstand ihn und konnte ihm auch mit all meiner Energie nicht wirklich neuen Lebensmut vermitteln.“

Meist können die Mitarbeiter der Kirchlichen Telefonseelsorge den anonymen Anrufern aber helfen. Und manchmal erfahren Sie es sogar hinterher. So landete neulich ein Schreiben mit dem Foto eines sechs Monate alten Babys in ihrem Briefkasten. „Danke“, stand in dem Brief: „ Ohne Sie hätte ich dieses wunderbare Wesen abtreiben lassen, das jetzt meine ganze Freude ist.“

Den kaltgestellten Rotkäppchen-Sekt haben Uwe Müller und sein Mitstreiter vor 25 Jahren übrigens nicht getrunken. Der erste Anruf kam nämlich nicht aus Berlin, sondern aus einem kleinen Dorf in Thüringen. Der Anrufer hatte sein Leben schon Tage zuvor beenden wollen, aber dann in einer Kirchenzeitung vom Start des „Telefon des Vertrauens“, wie es damals hieß, erfahren. „Er war in einer sehr traurigen Situation“, sagt Müller. „Nach Sekt war uns nach dem Gespräch nicht mehr zumute. Aber der Mann hat noch öfter angerufen.“ Sandra Dassler

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