Berlin : Anschub für West-Berlin

Der German Marshall Funds feierte Geburtstag Ohne ihn sähe die Stadt heute deutlich anders aus.

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Foto: Georg Moritz
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Ohne Marshall-Plan wäre Berlin eine ganz andere Stadt. Es gäbe keine Amerika-Gedenkbibliothek, kein Amerika Haus, kein Henry-Ford-Gebäude an der FU und das Klinikum Steglitz wäre auch nie errichtet worden. Schwer vorstellbar, wie Berlin und ganz Europa heute aussehen würden, wäre nicht am 5. Juni 1947 der damalige US-Außenminister George C. Marshall auf die Stufen der Memorial Kirche von Harvard getreten und hätte nur zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Hilfsprogramm zum Wiederaufbau Europas verkündet. 25 Jahre später bedankte sich die Bundesrepublik mit der Einrichtung des German Marshall Funds (GMF), der seit 1995 auch ein Büro in Berlin hat. An der Entstehung beteiligt war Guido Goldman, der bis heute einer von zwei Vorstandsvorsitzenden ist und nach Berlin kam, um das doppelte Jubiläum mit einer Gala im E-Werk zu feiern.

Als er drei Jahre alt war, ist die Familie Goldman 1940 aus der Schweiz in die USA emigriert. Sein Vater Nahum Goldman war Gründer des Jüdischen Weltkongresses. Später wurde Henry Kissinger in Harvard einer von Goldmans Doktorvätern. An ihn erinnert der jährlich von der American Academy verliehene Kissinger-Preis.

Guido Goldman, 75, humpelt ein bisschen, weil er demnächst eine neue Hüfte bekommt. Und er weiß, dass die Erinnerungen an die Zeiten des Marshall-Plans gewiss nicht mehr omnipräsent sind. Kurz vor der Bekanntgabe gab es noch alternative Überlegungen, Deutschland in einen Agrarstaat zu verwandeln.

George Marshall sagte damals im Hinblick auf die Sowjetunion: „Unsere Politik richtet sich nicht gegen ein Land oder eine Doktrin, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos.“ In der Folge wurden 13,3 Milliarden US-Dollar an 16 Länder verteilt, und die Industrieproduktion wuchs innerhalb von vier Jahren in West-Europa um 35 Prozent.

1972, wurde auf Initiative Willy Brandts der German Marshall Fund gegründet. Ursprünglich hatte Guido Goldman den damaligen deutschen Finanzminister Alex Möller aus Anlass des Jubiläums um eine Spende für das „Center for European Studies“ gebeten, das er mit Freunden an der Universität Harvard gegründet hatte. „Was dachten Sie denn?“, fragte ihn der Finanzminister. „Vielleicht eine Million Dollar.“ Darauf Möller: „Wir können uns unmöglich mit einer Million Dollar für den Marshall-Plan bedanken." So entwickelte sich die Idee für den German Marshall Fund. Zum 25. Jubiläum von Marshalls Rede gab der damalige Bundeskanzler Willy Brandt in Harvard bekannt, dass Deutschland zum Gedenken an den Marshall-Plan im Laufe der kommenden 15 Jahre 150 Millionen DM für den Deutschen Marshall Fund geben wolle. Heute hat der GMF ein jährliches Budget von 35 Millionen US-Dollar.

Ziel der Stiftung war es, die Verständigung zwischen Europäern und Amerikanern zu vertiefen, die Zusammenarbeit zu unterstützen und den Austausch von praktischen Erfahrungen zu nutzen. Aus dem „Young Leaders“-Programm ist inzwischen ein dichtes Netzwerk geworden, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern erfolgreich befördert. „Deutschland hat Großbritannien als wichtigsten Verbündeten der Amerikaner abgelöst“, sagt Goldman heute. Dankbarkeit bei den Deutschen vermisst er nicht. „Das Mutigste, was die Amerikaner getan haben, war die Luftbrücke.“ Nur um den Verlust des Amerika Hauses tut es ihm leid. „Es ist wichtig, ein größeres Verständnis von dem zu haben, was die Amerikaner bewegt.“ Da habe das Amerika Haus eine entscheidende Rolle gespielt.

Der Marshall-Plan galt immer auch als erstes großes Signal für die transatlantischen Verbindungen, die in Berlin noch viele Institutionen pflegen, die das Gedenken an die Zeit der Alliierten aufrecht erhalten wollen. Über eine Milliarde Dollar flossen bis 1961 nach West-Berlin. Neben der materiellen Hilfe war damals auch die psychologische Wirkung wichtig, weil die Bewohner des isolierten Westteils der Stadt dadurch die feste Überzeugung gewannen, dass die Westmächte die Stadt niemals aufgeben würden.

65 Jahre nach der Verkündung des Marshall-Plans beschränkt sich die Arbeit des GMF längst nicht mehr auf das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland. Auch Südamerika liegt auf der anderen Seite des Atlantiks, Indien und China spielen eine immer größere Rolle. Inzwischen gibt es neben dem Berliner Büro in der Oranienburger Straße auch Büros in Bratislava, Belgrad, Bukarest, Ankara, Warschau und Brüssel. Elisabeth Binder

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