Berlin : Ansichten über Berlin: Unverkrampft (Gastkommentar)

Jacob Heilbrunn

Als ich neulich zu einer Hochzeit in Berlin ging, fiel mir auf, wie ruhig diese Hauptstadt ist. Wir feierten zwar nicht am Kudamm, am Gendarmenmarkt oder einem anderen lauten Ort, sondern fuhren in einem Boot durch die Kanäle. Dennoch: So schweigsam wie hier auf dem Wasser wäre es nie in Washington oder London. Da zeigt sich eine große Gelassenheit. Fährt man über den Potsdamer Platz und am Brandenburger Tor und dem Reichstag vorbei über die Spree, kann man nur staunen über die Dimensionen des Regierungsviertels. Da muss den ausländischen Gästen, von Jacques Chirac bis Bill Clinton, einfach klar werden: Hier entsteht eine neue Macht im Zentrum Europas. Helmut Schäfer, früher Staatsminister im Auswärtigen Amt, sagte mir, es sei doch ein gutes Zeichen, wenn die Deutschen allmählich stolz auf ihre Hauptstadt sind, wenn sie zum Reichstag gehen und die Stadt von der Kuppel aus betrachten.

Das mag sein, aber es dauert nur wenige Minuten, dann ist man im alten, vertrauten Berlin, mit dem unübersehbaren Nachtleben. Es nimmt den Umzug der Regierung gelassen hin - als wisse es, dass seine Prägungen stärker sind als das Neue, das von außen kommt. Okay, Kreuzberg ist etwas zimperlich geworden. Und Diepgen scheint auf den Bürgermeister-Sessel abonniert zu sein. Aber ist das etwa kleinstädtisch? Mitnichten.

Deutschland ist unter Kanzler Schröder auf dem Weg, ein ehrlicher Makler zu werden: zwischen dem Westen und Russland, zwischen den USA und Iran. Das Land wird moderner. Die ideologischen Auseinandersetzungen gehören der Vergangenheit an. Und so versucht Schröder auch internationale Konflikte zu entschärfen. Das nährt zwar alte Ängste vor zu viel Verständnis zwischen Deutschland und Russland - etwa neulich, als Wladimir Putin zu Besuch kam. Aber im Grunde kommt es den Amerikanern gelegen. Sie selbst müssen als Großmacht vorsichtiger mit Moskau umgehen. Ähnlich im Fall Iran. Deutschland darf die Vorhut spielen und dem fremden Staatsoberhaupt auf den Zahn fühlen. Washington tut sich schwerer, direkt mit Iran in Kontakt zu treten. Dafür sind die grauenvollen Erinnerungen an die Botschaftsbesetzung 1979 noch zu frisch.

Wenn etwas für Verstimmung im neuen Berlin sorgt, dann ist es nicht die Außenpolitik. Sondern es sind die Beziehungen zwischen Rheinländern und Berlinern, die auch ein Jahr nach dem Umzug noch Unbehagen hervorrufen können. Man trägt mir etwa die Klage vor, es gebe besondere Schulen für die Kinder von Abgeordneten. Wenn schon Sonderbehandlung, warum nur bei Schulen? Warum nicht separate Tierheime für die Kampfhunde von Regierungsumzüglern?

Aber dass die Stadt sich überhaupt mit solchen Fragen beschäftigt, zeigt doch im Grunde vor allem eines: nämlich, wie klein die Probleme dieser Großstadt sind.

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