Berlin : Ansturm auf den alten Personalausweis

Bürgerämter schlossen trotz Hochbetriebs bereits Freitagmittag – um die Umstellung vorzubereiten

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Bis zur letzten Minute gab es am Freitag in vielen Berliner Bürgerämtern einen Ansturm auf den alten Personalausweis, der ab Montag vom Nachfolger im Scheckkartenformat mit eingebautem Mikrochip abgelöst wird. „Normalerweise werden bei uns 40 bis 60 Ausweise pro Tag beantragt, in den letzten Tagen waren es 130 bis 140“, sagte Mechthild Bloch, Amtsleiterin in Charlottenburg-Wilmersdorf. Alle Bürgerämter schlossen gegen 12 Uhr mittags wegen der Vorbereitungen für das geänderte Antragsverfahren. Die Wartenummernausgabe endete bereits gegen 10 Uhr.

Im Rathaus Charlottenburg warteten zu diesem Zeitpunkt noch rund 60 Bürger darauf, an die Reihe zu kommen – allerdings ging es nicht allen um den Ausweis. Die Meinung vieler älterer Bürger brachte eine Rentnerin auf den Punkt, die ihren noch zwei Jahre gültigen alten Ausweis um zehn Jahre verlängern ließ: „Ich mache keine Online-Geschäfte und brauche die Zusatzfunktionen nicht.“ Sie sehe keinen Grund, den von acht auf 28,80 Euro erhöhten Preis zu zahlen.

Der junge Projektmanager Sebastian Sooth nennt dagegen Datenschutzbedenken. Er ging bereits am Donnerstag ins Rathaus Schöneberg und wartete drei Stunden lang, um seinen Ausweis zu verlängern. Sooth stört vor allem, dass der Mikrochip im neuen Modell von staatlichen Stellen „jederzeit berührungsfrei ausgelesen werden kann“. Er hält es zum Beispiel für denkbar, dass die Polizei bei einer Demo unbemerkt seine Identität feststelle. Geplant sind solche Befugnisse für die Polizei allerdings nicht.

Sandra Mamitzsch, Mitglied der Initiative „Stoppt die Vorratsspeicherung“, sieht weitere Datenschutzprobleme. Sie vertraut den Sicherheitsversprechen nicht und befürchtet, dass „Hacker meine Daten auslesen“. Außerdem könne die Technik dazu führen, dass Online-Geschäfte und Anmeldungen zu Internetdiensten eines Tages nur noch mit Ausweisdaten möglich seien. Daher verlängerte auch Mamitzsch in Lichtenberg ihren alten Ausweis.

Laut einer Umfrage des IT-Verbandes Bitkom stehen bundesweit „47 Prozent Befürwortern nunmehr 44 Prozent Skeptiker entgegen“. Neun Prozent der Bürger seien unentschieden. Der IT-Sicherheitsverband Teletrust wandte sich gegen Sicherheitsbedenken: Das neue Dokument „sichert die Identitätsdaten des Bürgers mit den bestmöglichen Verschlüsselungsverfahren“. Eine wichtige Voraussetzung für den Gebrauch im Internet sei aber ein sicherer Heimcomputer – Antivirusprogramme und andere Software müssten regelmäßig aktualisiert werden.

Die Bearbeitung von Ausweisanträgen dauere künftig mindestens doppelt so lange, schätzen Experten. Amtsleiterin Bloch rechnet in der City West für Montag zunächst nicht mit besonders langen Wartezeiten. Stattdessen sieht sie in der Abholung des Dokuments nach etwa zwei Wochen das Hauptproblem: Bisher habe man den fertigen Ausweis sofort an speziellen Abholschaltern bekommen, das sei ab jetzt nicht mehr möglich. Wolle der Bürger die Mikrochip-Funktionen nutzen oder freiwillig seine Fingerabdrücke im Ausweis speichern lassen, müsse der Sachbearbeiter beim Abholtermin erst noch einige Dinge an seinem Computerarbeitsplatz erledigen. Es könne also durchaus passieren, dass sich Bürger in Zukunft zwei Mal im Warteraum gedulden müssen.

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