Berlin : Ansturm der braven Fans

Zehntausende Schwaben und Franken feierten bis zum Pokalendspiel – und entdeckten Berlin

Christoph Stollowsky

Unter dem Kanonenrohr des Panzers am Sowjetischen Ehrenmal schwenkt ein junger Mann die rot-weiße VfB Stuttgart-Fahne. „Wir haben Karten fürs Endspiel, wir sind in Berlin!“ jubeln die schwäbischen Fans drumherum. Und dann ziehen sie ein wenig über die „Dummbatzen“ aus Nürnberg her, die gleichfalls Samstagfrüh aus ihrer fränkischen Heimat angereist sind, um am Abend das entscheidende DFB-Pokalspiel im Olympiastadion zwischen dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Nürnberg zu erleben.

Doch niemand regt sich auf der Fanmeile an der Straße des 17. Juni über die Attacke so recht auf. Alle feiern ihr Fußball-Event lieber fröhlich in der Sonne, Nürnberger neben Stuttgartern mit Limo, Currywurst und Bier auf Holzbänken. WM-Stimmung kommt auf – wie zur Weltmeisterschaft 2006.

Entspannt sitzen auch die Polizisten in ihren Mannschaftswagen nebenan im Tiergarten, leeren ihre Stullenbüchsen und hoffen, „dass es auch nach dem zweiten oder dritten Bier so bleibt“. Und die Sicherheitskräfte an den Einlasskontrollen zur Fanmeile sind erleichtert über die „braven Schwaben und Franken“. Ein Security-Mann erinnern daran, dass es bei allen DFB-Pokalendspielen in den vergangenen Jahren in Berlin friedlich zuging. Bisher stimmten sich die Fans auf das Match allerdings traditionell auf dem Kudamm und am Breitscheidplatz ein. Doch gestern gab es nach den ermutigenden WM-Erfahrungen erstmals eine Fanmeile auf der Straße des 17. Juni mit einer Bühne am Brandenburger Tor. Nur etwas kleiner als im Sommer 2006. Dadurch verteilte sich der Ansturm auf drei Orte.

Die Stuttgarter fuhren meist mit Sonderbussen und Pkws nach Berlin, hunderte Nürnberger kamen um 13.15 Uhr am Bahnhof Zoo mit einem Sonderzug an. Seit 7 Uhr früh hatten sie sich darin bereits in Schwung gesungen und gezecht, sodass sie vor dem Bahnhof erst einmal die Taxiabfahrt mit einem Auflauf blockierten und siegesgewisse Parolen grölten. Doch das „Konflikt-Team“ der Polizei motivierte sie zum Weitermarsch Richtung „Wasserklops“ an der Gedächtniskirche. Dort hockten viele Schwarz- Rote aus Nürnberg und Weiß-Rote aus Stuttgart nebeneinander, kühlten die Füße im Brunnen, swingten mit einer Jazzband oder sangen Lieder von den angeblich besten Mannschaften der Welt.

Danach zogen sie erst einmal als Touristen los. So viel wie gestern wurde in Berlin noch selten auf den Oberdecks der Sightseeing-Busse, im Sony-Center, in Kreuzberger Straßen-Cafés oder zwischen den schwarzen Blöcken des Holocaust-Mahnmals geschwäbelt und gefränkelt. Und überall waren die Fußball-Gäste an den Farben ihrer Clubs zu erkennen.

„Nürnberg ist gemütlicher“, sagt Uwe aus der mittelfränkischen Stadt. „Und Stuttgart irgendwie kuscheliger“, ruft Siegbert vom VfB. Doch in Berlin sei mehr los und alle paar Jahre, wenn sie hier sind, habe sich „so faszinierend viel verändert,“ sagen beide. Sonntag in aller Frühe geht’s zurück. Doch sie kommen wieder. Denn Fußball an der Spree lohnt sich doppelt. „Wegen des Spiels – und wegen der Stadt.“ Christoph Stollowsky

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