Berlin : Anthony Wong: Leben in der Pralinenschachtel

Kai Müller

Ein Security-Mann steht vor der gläsernen Ladenfront. Blaue Uniform, Arme verschränkt, ein Sprechfunkgerät an der Schulter. Das ist ungewöhnlich für Hongkong, wo es kaum Wachmannschaften oder Polizeipatroullien gibt. Er steht vor der Filiale einer Spielwarenkette und öffnet Besuchern die Glastür. Jedes Mal, wenn sie eintreten, bricht von drinnen ein brüllendes Getöse in die Ladenpassage, ein Gemisch von elektronischen Kraftklängen: Das Wummern schwerer Rhythmen, kreischende Alarmsirenen und nicht endende Maschinengewehr-Salven. Gleich neben dem Eingang, wo es am lautesten ist, wirbeln zwei junge Chinesen zu Techno-Beats über eine silbern verspiegelte Tanzfläche. Der eine tut genau dasselbe, wie der andere - ihre Bewegungen sind vollkommen synchron. Sie tanzen nicht, sie sammeln Punkte in einem Computerspiel. Bis zur völligen Erschöpfung.

Zur gleichen Zeit in einer Karaoke Bar im Wanchai-Viertel: Ein Paar lässt sich zu einer Kabine führen. Der Kellner geht voraus, durch verwinkelte Gänge und an verschlossenen Türen vorbei, durch deren Sichtfenster man einen kurzen Blick auf andere Paare werfen kann. Sie sitzen vor dröhnenden Fernsehgeräten und schauen auf kitschig-verträumte Südsee-Panoramen, in denen sich ein Mann und eine Frau in endloser Abfolge umarmen, küssen oder verabschieden, wieder küssen, wieder verabschieden. Die meisten Kabinen sind klein, bieten lediglich einem Sofa und dem monströsen Bildschirm Platz. Doch das reicht den Jungen und Mädchen, die sich hier treffen, weil sie zuhause, bei den Eltern, nicht für sich sein können. Sie wählen einen Song und beteuern einander, das Mikrofon in Händen, ewige Liebe.

Es geschieht selten, dass Musik in Hongkong nur gehört wird. Meist ist sie ein Reiz-Transmitter, ein Sub-Element der urbanen, visuell-akustischen Warenflut, eine Art Soundtrack für das kurze Glück. "Die Leute sind nur an Songs interessiert", erklärt der Canto-Popstar Anthony Wong, "die sie nachsingen können. Wenn ihnen ein Lied gefällt, dann kaufen sie nicht eine Platte, sondern gehen in eine Karaoke Bar und singen es selbst. So lange, bis sie genug davon haben." Auf der langen Liste abrufbarer Schlager, die auf den Videorecordern der Karaoke Bars gespeichert sind, finden sich auch Kompositionen von ihm. Es sind süffige Liebeslieder, voller Hingabe und Pathos, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Stile zusammensetzen: fröhliche Bossa-Nova-Riffs, Disco-Beats und schwermütige Rock-Gitarren. Seine Platten erinnern an englische Pralinenschachteln: Jede Füllung birgt eine ziemliche Überraschung. "In Hongkong kann man nicht nur einen Stil pro Platte verkaufen", erklärt er das Stilgemisch. "Jugendliche könnten eine LP, auf der nur Trip Hop enthalten wäre, nicht ertragen. Sie verlangen nach ständiger Abwechslung."

Obwohl auch westliche Hits nach Hongkong vordringen, ist Canto-Pop die unter chinesischen Jugendlichen mit Abstand beliebteste Musik. Am Wochenende quillen die Straßen in Causeway Bay auf Hongkong-Island förmlich über vor jungen Menschen, die auf Konzerte gehen oder in die riesigen Diskotheken drängen. Auch Wongs Studio befindet sich hier, im 43. Stock. "Hongkongs Colosseum ist seit Jahrzehnten ein Mekka", sagt er und deutet mit seinem Arm über die Bucht, in Richtung Kowloon, wo die Veranstaltungsarena wie ein auf die Spitze gestelltes Dreieck thront. "Ein Sänger wie Jackie Cheun würde mühelos 38 Abende hintereinander ausverkaufte Konzerte geben, vor jeweils 15 000 Menschen." Canto-Pop, das ist die Schlager-Parade Asiens. Sie bezieht sich auf westliche Einflüsse so übereifrig, dass der offensichtliche Mangel an originären musikalischen Ideen sie wie ein neurotisches Kinderkarussel aussehen lässt. In der Tat, meint Wong, seien Stücke stets nach dem selben simplen Schema gestrickt: "Es sind Besitzergreifungen des romantischen Mannes, der eine Frau durch seine Liebe zwingt, sich ihm zu ergeben." Die traditionellen Rollenmuster der chinesischen Kultur werden wie Heiligenbilder verklärt - und in eine Welt implantiert, die aus Mobiltelefonen, elektronischen Notizbüchern und Designer-Klamotten besteht.

Auch in Anthony Wongs Videos wird sich umarmt und verabschiedet. Aber es ist unverkennbar, wie isoliert er dabei bleibt. Ein Einzelgänger mit mandel-braunen Augen, dessen Gesichtszüge ihn viel jünger aussehen lassen, als er ist. Der 38-Jährige arbeitete zunächst als Radio-DJ, bevor er sich Mitte der achtziger Jahre auf eine Anzeige hin bei einer Band als Sänger bewarb. "Kritiker verglichen uns mit den Pet Shop Boys. Und tatsächlich war unsere Musik von der Neuen Romantik geprägt." Durch die Zusammenarbeit mit dem alternativen Kulturzentrum "Zuni Icosahedron" erarbeiteten sie sich theatralische Ausdrucksformen, so dass ihr Auftritte mehr und mehr dramatischen Inszenierungen glichen. Nach dem Auseinanderbrechen der Band 1991 veröffentlichte Wong drei Solo-Platten, die jedoch an die früheren Erfolge nicht anzuknüpfen vermochten. Seine taiwanesische Plattenfirma legte ihm unverholen nahe, mal wieder einen Hit zu schreiben. "So habe ich sämtliche Klischees, die vom Canto-Pop verbreitet werden, zu einer Collage montiert. Der Song wurde sehr populär und ich habe gelernt: Man muss die Sachen, die andere machen, anders machen."

Die meisten populären Songs in Hongkong werden für Werbe-Jingles geschrieben oder nachträglich als solche verwendet. Von riesigen Plakatwänden herab grüßen die Musiker ihre Fans und werben gleichzeitig für eine Telefon-Gesellschaft. Dass ein Sänger seine Musik als geistiges Eigentum betrachtet, das er schützen muss, kommt nicht vor. Auch Anthony Wong, der unter den Liedermachern Hongkongs zu den ernsteren zählt und immerhin wagt, über Homosexualität, Aids und ethnische Minderheiten zu singen, verdankt seinen Erfolg dem geschickten Aufgreifen erprobter Rezepte. Seine Programm "People Mountain, People Sea", dessen Titel auf ein chinesisches Sprichwort zurückgeht, setzt sich aus Cover-Versionen bekannter Popmelodien zusammen, in denen sich die Geschichte Hongkongs wiederspiegelt. Es sei anlässlich der Rückgabe der ehemals britischen Kronkolonie an China entstanden und reflektiere den Wechsel der Regierungssysteme, sagt Wong und fügt hinzu: "Wenn man an Chinesen denkt, dann als uniforme Masse. Chinesen mögen es nicht, allein zu sein, heißt es."

In der Spielhalle haben ein Junge und ein Mädchen vor einem Apparat Platz genommen, der entfernt an ein Schlagzeug erinnert. Sie nimmt zwei Drumsticks und wartet, dass ihr Freund einen Titel wählt. Als die ersten Takte erklingen, beginnt eine Partitur über den Bildschirm zu rasen, die das Mädchen ungeheuer virtuos in einen Schlagzeug-Beat umzusetzen versteht. Von der Musik hört sie vermutlich keinen Ton.

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