Berlin : Anti-Kriegs-Demo: Vergebung für die Zerstörung?

Jörg-Peter Rau

Zwei Mal kommt echter Jubel auf am Samstagnachmittag. Zuerst, als der Mann auf dem Neptunbrunnen verkündet, das ZDF vermelde gerade, dass zehntausend Teilnehmer (die Polizei schätzte nur rund 2000) unter dem Motto "Keine Vergeltung, kein Krieg" demonstrierten. Und dann nochmals tosender Applaus, aber grimmiger, wütender, als Senfo Tonkam das Mikro in der Hand hat. Senfo Tonkam sagt, er spreche für alle Flüchtlingsinitiativen der Stadt. Er mahnt, dass es nicht nur die Toten vom World Trade Center gebe. "Über die Millionen anderen Opfer überall in der Welt redet niemand", schreit Tonkam.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Das Spektrum der Anti-Kriegs-Demo des "Bündnis gegen Krieg" ist breit. Am Roten Rathaus steigen blaue Ballons mit Friedenstauben in die Luft. Ein Plakat in Kinderschrift kündet "Ich will keinen Krieg". Ein großkopiertes Flugblatt der "Linksruck"-Aktivisten zeigt eine Fotomontage mit einem Porträt Edmund Stoibers im Taliban-Gewand. Ansonsten überwiegt die Farbe Rot - auf ÖTV- und IG-Metall-Fahnen, auf den Mao-, Che- und Leninfahnen, auf der Ausstattung der Spaßguerilla, die mit Trommeln und Posaunen angerückt ist und verkündet: "Wir sind die Unzivilen, und das ist gut so."

Von der Fassade des Roten Rathauses sind aber auch leisere, nachdenklichere Töne zu hören. Drei Schülerinnen müssen ihren ganzen Mut zusammennehmen, um vor einer so großen Menge zu sprechen. Sie lesen aus einer E-mail eines Pazifisten aus New York vor, der im Angesicht der Zerstörung zu Vergebung aufruft. Dann rezitieren sie Erich Kästner und Benjamin Franklin. Manche wollen lieber die klaren Anti-Parolen hören, die immer wieder bemüht werden: antiimperialistisch, antirassistisch, antifaschistisch. Aber es gibt auch die, die "Love the enemy" auf ihre Fahnen geschrieben haben oder "Krieg ist eine Fortsetzung des Terrors mit anderen Mitteln." Sie hören ruhig zu und merken, dass es den Schülerinnen ernst ist. Und sie fühlen sich vielleicht an die ersten Tage des Golfkriegs erinnert, als die drei jungen Frauen für den Tag des militärischen Gegenschlags zum Streik der Berliner Schüler aufrufen.

Bevor ein Wolkenbruch den Abmarsch durch Mitte - mit gehörigem Abstand zur US-Botschaft - doch noch verzögert, sprechen Gewerkschaftsvertreter, ein Student der Humbolt-Universität, Leute vom Gegeninformationsbüro. Sie erinnern an den 11. September 1973, als in Chile unter US-Beteiligung Allende gestürzt wurde. Sie beklagen, dass "kritische Stimmen durch die derzeitige Kriegsrhetorik mundtot gemacht werden." Sie fragen, wo die Tränen waren, als in Hanoi, Belgrad, Bagdad die Bomben fielen. Aber niemand erntet so viel Applaus wie Senfo Tonkam, als er in seinem Kampf gegen die Pläne des "faschistischen Ministers Schily" zur Zuwanderung heiser in das Mikro schreit: "Auch die Indianer in Nordamerika brauchen grenzenlose Gerechtigkeit."

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