Anti-Touristen-Debatte : Jetzt reden die Liberalen

Nach den Grünen diskutieren jetzt auch die Liberalen über die vielen Touristen in der Stadt. Berlin-Besucher machen die Stadt bunter, lebenswerter und interessanter, sagen sie - und halten die Anti-Touristen-Debatte für absurd.

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Doch nicht weltoffen? Zu viele Touristen treiben die Preise hoch und beschränken die Lebensfreude, finden einige Berliner. Die meisten heißen ihre Gäste herzlich willkommen, widerspricht die FDP. Über Tourismus in Berlin diskutiert sie – auch mit den Grünen.
Doch nicht weltoffen? Zu viele Touristen treiben die Preise hoch und beschränken die Lebensfreude, finden einige Berliner. Die...Foto: dapd

Die Debatte um die nervende Touristenflut in Berlin nimmt für Gumbert Salonek, Stadtführer und als einer der beiden FDP-Mitglieder in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg sitzt, „skurrile und absurde Züge“ an. „Am Ostkreuz gibt es ein Hostel, da haben sich Anwohner beim Ordnungsamt wegen lauter Rollkoffer beschwert.“ Berlin-Besucher aber machen die Stadt bunter, lebenswerter und interessanter, sie bringen Geld und sichern Arbeitsplätze – davon ist der Liberale überzeugt. Er sitzt auf dem Podium bei der Diskussionsveranstaltung „Fluch oder Segen? Tourismus in den Berliner Bezirken“ der FDP-nahen „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ am kommenden Donnerstagabend auf dem Hostel-Schiff „Floating Lounge“ an der Oberbaumbrücke. Das Boot ist voll, die 70 Plätze sind längst weg.

„Die Touristen kommen auch wegen des Freiheitsgefühls in diese Stadt, und das dürfen wir nicht gefährden“, sagt Stiftungsvertreter Johannes Issmer. Die Liberalen hätten sich daher bereits mit der Aktion „Ein Herz für Schwaben“ in Prenzlauer Berg engagiert, sagt Issmer. Und: „Viele Alteingesessene, die sich jetzt verdrängt fühlen oder eine Verteuerung befürchten, sind doch selbst nach Berlin zugezogen.“ Am Freitagabend verteilten Junge Liberale (Juli), mit Sonnenbrillen, Strohhüten und Rollkoffern als Touristen zurechtgemacht, in der Friedrichshainer Simon-Dach-Straße Flugblätter: Wer Touristen aus Friedrichshain-Kreuzberg fernhalten wolle, schränke die Reisefreiheit extrem ein, steht darauf, liest Juli-Pressesprecher Richard Boeck vor. Und: Der Bezirk lebe „maßgeblich von den Einnahmen durch den Tourismus“.

FDP-Mann Salonek sagt, es sei absurd, dass gerade Grünen-Anhänger, die gern als Backpacker authentisch und selbstbestimmt reisen, jetzt Touristen auf vorbestimmte Wege leiten wollten. Als Stadtführer sei er nur vereinzelt von Touristen auf das Thema angesprochen worden. Er ist auf Baustellenführungen spezialisiert, seine Gäste liebten diese Stadt, sagt er.

Wird die von Friedrichshain-Kreuzberger Grünen unter dem Motto „Hilfe, die Touris kommen!“ angestoßene Debatte im Ausland registriert? Nein, sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer von Visit Berlin, und verweist auf weiter steigende Zahlen: „Die Welt weiß, dass Berlin weltoffen ist.“ Er sagt, das alles sei weniger Thema für die Naumann-Stiftung als für die Ordnungsämter, die sich um die wahren Ärgernisse – lautstarke Bierbike-Fahrer oder sich in Hauseingängen entleerende Feiernde – kümmern sollten. Bei der Naumann-Veranstaltung diskutiert aber auch ein Visit-Berlin-Experte mit. Sind die Grünen pikiert, dass sich eine andere Partei ihres Themas bemächtigt? „Nein, wir haben doch kein Abo darauf“, sagt Volker Ratzmann, Fraktionsvorsitzender und wirtschaftspolitischer Sprecher. Er hält den Titel „Fluch oder Segen“ der Veranstaltung aber für falsch. Es gehe doch darum, Tourismus als wichtigen Wirtschaftszweig zu fördern, ohne dass einzelne Berliner darunter litten. Dies sei aber der Fall, wenn ganze Wohnblocks wie in Mitte selbst von Wohnungsbaugesellschaften als Ferienwohnungen und Hostelzimmer vermietet würden. Im Wahlprogramm stehe, dass sich Grüne über Touristen freuen, der Titel der „Hilfe“-Veranstaltung sei etwas reißerisch gewesen.

Derweil genießen Touristen diese Stadt im Sommer, das Leben auf den Straßen. Wie die Spanierin, die verständnislos auf einen „Berlin liebt dich nicht“-Aufkleber guckt und lächelnd sagt: „Ich dich aber sehr.“

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