Berlin : Antiker Kunst-Sammelband: Schatz aus Pappe

Christine-Felice Röhrs

Es war einmal...ein guter Anfang für eine Geschichte, die von einem Schatz handelt - auch wenn dieser Schatz nur aus Pappe ist. Es war also einmal ein indischer Kaiser, der hieß Jahangier.

Jahangier reiste viel, denn sein Reich umfasste die Ländereien vom heutigen Afghanistan über Bengalen bis ins nördliche Südindien. Deshalb befahl der Kaiser eines Tages, man möge seine Sammlung von Bildern und Kalligraphien in einem tragbaren "Museum" zusammenfassen, damit er sie immer bei sich haben und betrachten könne. So entstand das Jahangir-Album. Das war vor 400 Jahren.

Ruhige und kriegerische Zeiten überstand das Album, auch den Überfall der Perser auf den Palast in Dehli und den Treck durch die Wüsten mit den Plünderern bis nach Teheran. Dann eine Reise übers Meer mit preußischen Gesandten, die das Album, zumindest 25 Blätter daraus, 1881 erworben hatten. Heute ruht das Buch im gekühlten Keller der Staatsbibliothek.

Das Album ist das wertvollste Buch in ganz Berlin, sagt Hartmut-Ortwin Feistel, Leiter der Orientabteilung des Hauses. "Jede der 25 Seiten ist mehr als zwei Millionen Mark wert, wollte man sie verkaufen". Doch auf die 50 oder 60 Millionen Mark ist Feistel nicht scharf. Viel bedeutender ist für ihn, dass "seine" 25 Blätter den größten zusammenhängenden Teil des Albums außerhalb Teherans ausmachen. Ein Schatz! Denn nach Jahrhunderten "imperialistischer" Wissenschaft, sind Teile der Bände über die ganze Welt verstreut: Privatsammler besitzen lose Seiten, der Louvre hat ein paar und auch die Washingtoner Freers-Gallery.

Vorsichtig hebt Feistel die Einzelblätter aus einer großen, mit Stoff bezogenen Holzschatulle. Jede liegt in einem aufklappbaren Passepartout, geschützt durch Seidenpapier. Man hat die aneinander geklebten Seiten getrennt, damit sie restauriert werden können. Bis alle Blätter ausgestellt werden, kann es noch dauern. Aber ein Teil ist schon fertig, und vor dem Betrachter liegen leuchtend bunte Zeichnungen, alle etwa 40 mal 20 Zentimeter groß. Der breite Rand ist mit mattem und poliertem Gold dicht an dicht in floralen Mustern bemalt. Blaue Vögel leuchten aus dem Gold heraus. "Diese Farbe wurde aus Lapislazuli hergestellt", sagt Feistel.

Die Details sind so fein gezeichnet, dass sogar der hauchdünne Schleier über dem Gesicht einer Dame zu erkennen ist. Die hat der Künstler in eine Bildergeschichte hineingemalt: Mörder überfällt Schlafenden und schneidet ihm den Kopf ab, Blut spritzt. Die verschleierte Dame - die Auftraggeberin? - guckt zu.

Weiter oben im gleichen Motiv setzt sich die Geschichte fort: Der Mörder ist auf einen Turm geklettert und wirft den abgehauenen Kopf hinunter. "Da steckt eine wahre Begebenheit dahinter", vermutet Feistel.

Andere Motive erstaunen: Da taucht auf der Randbemalung plötzlich in Stahlstichmanier eine Muttergottes auf. Oder ein europäischer Mönch. Aus Europa importierte Kunstwerke galten nämlich am Hofe des indischen Kaisers als schick. Hof-Künstler kopierten sie - fast - detailgetreu. Nur der Mönch, der trägt jetzt Schnabelschuhe.

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