Berlin : Antirassismus: Katja und die lila Vögel

Christine-Felice Röhrs

"Ihr könnt Katja zu mir sagen", bietet Katja Riemann den 30 Schülern an, die vor ihr sitzen und sie anstarren. Nervöses Kichern. Keiner traut sich. Was soll man die Katja nur fragen? Höflich-Interessiertes über den Job oder die Tochter der Schauspielerin? "Nee, ich will hier nicht über Privates sprechen", bügelt die Riemann ab. Schließlich ist sie an der Gustav-Heinemann-Oberschule in Marienfelde zu Gast, weil heute der internationale Tag gegen Rassismus ist. Als Mitglied der Aktion "Gesicht zeigen", an der sich viele Prominente beteiligen, will sie die Schüler gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aktivieren.

Weiterhin verlegenes Schweigen. Katja Riemann liest zwei Gedichte vor. Wortmeldungen? Eine Mutige: "Welchen Bezug haben Sie persönlich zum Dritten Reich?" Und nun erfahren die Schüler doch noch eine Menge über Katja Riemann persönlich: "Ich sehe mich als eine klassische Deutsche, die mit einer Riesenlast an Erbschuld geboren wurde", erklärt sie den Schülern. Bis heute sei es ihr peinlich, sich im Ausland als Deutsche "zu outen". Ob sie dann stolz sein kann, eine Deutsche zu sein? "Der Satz klingt so komisch, weil Nazis ihn sagen", überlegt Katja Riemann. Vieles in Deutschland sei "toll", stellt sie fest. Aber die Deutschen, "und ich auch", haben ein gebrochenes Selbstwertgefühl.

Das Geständnis bricht das Eis. Jeder hat nun etwas zu erzählen: Ein russisches Mädchen erinnert sich, wie sie wegen mangelnder Sprachkenntnisse gehänselt wurde. Eine Ghanaerin fühlt sich vor allem in Ost-Berlin abfällig behandelt. Katja Riemann, der es auf dem hölzernen Stühlchen schnell zu unbequem wird, zieht beide Beine hoch, verschränkt die Arme darüber und hört ruhig zu. Woher denn Rechtsextremismus kommt, wollen die 16- bis 18-Jährigen von der Katja wissen. Das weiß die zwar auch nicht, erzählt aber, wie sie als Norddeutsche in München - da war sie noch Schauspiel-Schülerin - mal auf dem Bürgersteig Fahrrad fuhr. Da habe sie einer vom Fahrrad gezerrt, in bayerisch auf die "Saupreußin" geschimpft. Riemann wiederum habe zurück gebrüllt, er solle deutsch mit ihr sprechen. Der Mann spuckte ihr ins Gesicht. "Aha", hat sie sich damals gedacht, "so klein fängt Fremdenfeindlichkeit an". Verständig nicken die Schüler. "Eigentlich sind wir alle einer Meinung", meint die Schauspielerin.

Deshalb möchte sie auch, dass die Klasse teilnimmt an ihrem dritten Buchprojekt. Denn die Schauspielerin ist gleichzeitig Kinderbuchautorin und das nächste Werk wird eines gegen Rechts. Sie selbst schreibt darin über rote und blaue Vögel, die einander fremd sind, aber wunderhübsche lila Baby-Vögel zeugen könnten, wenn sie nur ihre Vorurteile überwinden würden.

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