Antisemitismus an Berliner Schule : „Es gibt viele Vorurteile“

Anti-Gewalt-Experte Thomas Mücke über rassistische Ausfälle an Schulen.

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Pro-Israel-Aktivisten demonstrieren am 25.07.2014 gegen eine Veranstaltung anlässlich des Al-Kuds-Tag in Berlin.
Pro-Israel-Aktivisten demonstrieren am 25.07.2014 gegen eine Veranstaltung anlässlich des Al-Kuds-Tag in Berlin.Foto: picture alliance / dpa

Ein 14-jähriger Schüler wurde in Friedenau so heftig antisemitisch beleidigt und attackiert, dass er die Schule verlassen hat. Wie alltäglich ist so ein Vorfall?

Das war schon außergewöhnlich, weil hier Körperverletzung im Spiel war. Dass Menschen beschimpft, beleidigt und ausgegrenzt werden, ist häufig der Fall.

Ihr Team bot 2016 insgesamt 90 Workshops an Schulen an. Wie arbeiten Sie dort?
Beim Antisemitismus geht’s nicht nur um Religion. Deshalb greifen wir auch das Thema Nahost auf. Wir haben Mitarbeiter mit jüdischen und muslimischen Wurzeln, das hilft, dass eine Verständigung unter den Jugendlichen stattfinden kann.

Wie gehen Sie beim Thema Nahost vor?
Wir versuchen erst mal, einiges über die Entstehung dieses Konflikts zu erzählen. Die meisten Jugendlichen mit arabischen Wurzeln wissen wenig über den Holocaust. Dann erzählen wir, dass es im Nahen Osten viele Bemühungen gibt, dass Araber und Israelis gemeinsam versuchen, Lösungen zu finden, und wir regen die Jugendlichen an, sich dazu Gedanken zu machen.

Aber Nahost ist weit weg. Die Konflikte an den Schulen finden in Berlin statt.
Das ist der Punkt. Wir müssen versuchen, dass sich die Jugendlichen hier verstehen, indem wir ihnen Handlungsmöglichkeiten aufzeigen für den täglichen Umgang miteinander.

Wie erfolgreich sind Sie denn bei Ihren Workshops?
Es ist schon auffällig, dass die Jugendlichen viele Vorurteile haben. Man muss sie mitnehmen, man muss ihnen auch die Möglichkeit geben, diese Vorurteile zu benennen. Da gibt es auch viele antisemitische Vorurteile. Dann muss man versuchen, diesen Vorurteilen ein anderes Bild entgegenzuhalten. Dadurch erreicht man, dass die Jugendlichen darüber diskutieren und ihre Sichtweise ändern.

Das allein wird nicht reichen. Ab wann ist es nötig, Eltern einzubinden?
Das ist nicht mehr unsere Aufgabe. Grundsätzlich: Gerade Jugendliche neigen dazu, sich im Fernsehen bestimmte Satellitenprogramme anzuschauen. Gerade in arabischen Sendern werden viele Vorurteile geschürt. Auch tragen Eltern diese Vorurteile an Jugendliche heran. Es wäre deshalb wichtig, wenn man da Erwachsene mitnehmen könnte.

Sie können 2017 mehr Workshops an Schulen anbieten als 2016. Reicht dies für eine erfolgreiche flächendeckende Arbeit?
Wir bräuchten vor allem mehr Pädagoginnen und Pädagogen, die mit interkultureller und interreligiöser Gewalt umgehen können.

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