Antisemitismus : Joffe rät Nichtjuden zu einem "Kippa-Test"

Nach dem Anschlag auf einen jüdischen Kindergarten in Berlin fordert der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Nichtjuden zu einem "Kippa-Test" auf. So könnten sie "das tägliche Bedrohungsgefühl" eines in Deutschland lebenden Juden nachempfinden.

Berlin - Der Brandanschlag auf einen jüdischen Kindergarten in Berlin-Charlottenburg hat erneut eine Debatte über Antisemitismus ausgelöst. Unterdessen sucht der Staatsschutz weiter nach den Tätern des Anschlags auf die Kita. Joffe empfahl, "Nicht-Juden sollten sich einfach mal eine Kippa (runde Kopfbedeckung) auf den Kopf setzen oder einen Davidstern an die Kette hängen". Es werde nicht lange dauern, "und sie werden Erfahrungen gemacht haben mit Antisemitismus". Anschläge wie der auf den Kindergarten sorgten in seiner Gemeinde für "ein permanentes Gefühl der Unsicherheit". Viele Juden in Berlin würden daher die sichtbaren Insignien ihres Glaubens verbergen und stattdessen ein "bewusstes, aber anonymes Judentum" pflegen, betonte Joffe.

In den vergangenen Jahren waren an ihrer Kopfbedeckung oder rituellen Haartracht erkennbare Juden in Berlin immer wieder Opfer von Pöbeleien und Angriffen. Mit der Verschärfung des Nahost-Konflikts wurden sie seit 2002 auch von Türken und Arabern attackiert. Bis dahin waren die Täter meist Rechtsextremisten.

Erste Debatte schon 2002

Eine Debatte um ein öffentliches Bekenntnis zum Judentum hatte es bereits 2002 nach mehreren Überfällen auf Juden gegeben. "Alle, die es wollen, sollen weiter offen die jüdischen Symbole tragen, die Kippa oder den Davidstern", betonte der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner. Anlass war die Äußerung eines Polizisten, wonach der Verzicht auf religiöse Bekleidung oder jüdische Symbole die Sicherheit für Juden in der Hauptstadt erhöhen könnte.

Jüdisches Leben sei in Berlin "leider noch immer nicht so normal wie beispielsweise in New York", sagte der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama. Das gelte jedoch auch für andere europäische Metropolen. Ein Grund sei, dass der Nahost-Konflikt zunehmend auf diesem Kontinent ausgetragen werde. Zugleich gebe es Antisemitismus aber auch "aus der Mitte der deutschen Gesellschaft heraus". Durch den Anschlag auf die Kita erhielten Ängste unter Berliner Juden neue Nahrung, sagte Nachama.

Noch immer keine Spur bei Kita-Brandanschlag

Im Fall der Kita gebe es zu den Tätern immer noch "keine konkrete Spur", sagte ein Polizeisprecher. Bisher hätten sich auch noch keine Zeugen der Tat gemeldet. Das liege sicher an der schwer zugänglichen Lage der Kita. Dennoch suchen die Beamten weiter nach Zeugen des Geschehens. Unbekannte hatten in der Nacht zum Sonntag eine Rauchbombe durch ein eingeschlagenes Fenster der Tagesstätte am Spandauer Damm geworfen, die aber nicht zündete. Außerdem wurde die Einrichtung mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet. Vertreter aller demokratischen Parteien verurteilten den Anschlag. (tso/ddp)

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