Antroposophie und Krebs : Mit sanfter Kraft voraus

Im Spandauer Krankenhaus Havelhöhe werden Körper und Seele von Krebspatienten mit komplementären Therapien gestärkt. Ein Besuch.

Glücksmomente. Durch rhythmische Massagen spüren Krebspatienten ihren Körper.
Glücksmomente. Durch rhythmische Massagen spüren Krebspatienten ihren Körper.Foto: Carsten Strübbe

Blass und sehr dünn liegt der Patient in den weißen Laken. Seine Haut wirkt grau, das Gesicht eingefallen. Krankenschwester Doris Rapp nähert sich dem Bett des 70-Jährigen, grüßt ihn freundlich und erklärt, dass er nun einen Ingwer-Nieren- Wickel bekommt. „Bei Tumorerkrankungen haben die meisten Patienten keine normale Körpertemperatur, sondern nur etwa 35,5 Grad, und eine Chemotherapie senkt die Körpertemperatur noch mehr“, hat Rapp vorher erzählt, während sie die Utensilien vorbereitete: heißes Wasser, Ingwer-Pulver, Baumwolltücher und ein Büschel Schafwolle. „Mit den Wickeln möchten wir die innere Wärme anregen und dem Körper den Impuls geben, gesund zu werden. Jeder Patient bekommt sein eigenes Wollvlies dafür. Das darf er mit nach Hause nehmen, wenn er entlassen wird.“ In der Hoffnung, dass er sich selbst täglich solche Wickel macht. „Nieren sind auch Seelenorgane. Man sagt ja nicht umsonst: Es geht mir an die Nieren.“

Mit sanften Handbewegungen richtet Doris Rapp den Patienten jetzt etwas auf. Sie gießt Ingwer mit heißem Wasser auf und gibt die dampfende Paste auf ein Tuch, das sie dem Patienten im Nierenbereich auflegt. Mit weiteren Tüchern und Decken wickelt sie ihn ein, erklärt ihm, was sie gerade tut und was ihn erwartet: „Erst fühlt es sich sehr heiß an, dann kühlt es ab und bald darauf kommt die zweite Hitzewelle – das ist der Ingwer. Sie bleiben 25 Minuten im Wickel, die Nachruhe dauert noch einmal eine halbe Stunde.“ Der Patient schließt die Augen. Für die Wickel ist ein „ruhiger Rahmen“ wichtig. Das heißt: Kein Handy, keine Gespräche. Leise schließt Doris Rapp die Tür.

Hochqualitative Schulmedizin wird kombiniert mit antroposophischen Therapien

Dann steht sie wieder auf dem Flur der Station 5b im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, der gar nicht so sehr nach Krankenhaus aussieht. Er gehört zur Abteilung für Interdisziplinäre Onkologie und Palliativmedizin mit einem besonderen Fokus: „Frühpalliativ“ nennt ihn Oberarzt Philipp von Trott – oder auch „early palliative care“, denn die Idee stammt aus dem englischsprachigen Raum, ist dort weiter verbreitet als in Deutschland. „Palliativmedizin tut nicht nur Patienten gut, die am Ende ihres Lebens stehen, sondern auch jenen, die durch Krankheit und Chemotherapie viele Einschränkungen der Lebensqualität haben“, erklärt von Trott. „Wir gucken, wo das der Fall ist und versuchen eine Verbesserung zu schaffen. Das ist die Expertise der Palliativmedizin. Schwäche, Appetitlosigkeit, Schlafprobleme. Das geht sonst oft unter in der Akut-Onkologie.“ Oft entscheide sich auf Station 5b, ob ein Patient „sich noch gegen den Krebs wehren kann und ob eine Chemotherapie überhaupt möglich ist“.

Havelhöhe ist ein Krankenhaus der Regelversorgung und eines von sechs Onkologischen Zentren in Berlin, die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert sind und aus drei spezialisierten Organzentren bestehen: Brust-, Darm- und Lungenkrebs. Und doch ist in dem Krankenhaus mit dem anthroposophischen Ansatz einiges anders. „Wir wollen fachlich hochqualitative Schulmedizin mit anthroposophischen Zusatztherapien verknüpfen“, sagt Friedemann Schad, Gastroenterologe und Leiter des onkologischen Zentrums. Das bedeutet nicht, dass in Havelhöhe zusätzlich zur Chemo homöopathische Kügelchen verteilt werden. Sondern dass viel Wert auf sogenannte supportive Therapien gelegt wird, also solche, die Körper und Psyche der Patienten „stärken und unterstützen“, wie Schad das nennt.

„Die Diagnose Krebs ist meist zutiefst erschütternd für die Patienten – selbst wenn er heilbar ist“, sagt Schad. „Wir legen besonders großen Wert darauf, darauf einzugehen, und das geht unglaublich gut auf nonverbaler Ebene: Bei rhythmischen Massagen spüren die Patienten ihren Körper, bei Musiktherapie setzen sie sich auf emotionaler Ebene mit sich selbst auseinander, bei Heileurythmie wird der kranke Körper, der sich ohnmächtig anfühlt, aktiviert.“ Diese Zusatztherapien gehören in Havelhöhe zum Standard für onkologische Patienten, ab dem ersten Behandlungstag. Auch Psychoonkologen – die es allerdings auch in anderen Krankenhäusern, die Krebs behandeln, gibt – kümmern sich ab dem ersten Tag um die Patienten. „Es gibt Studien, die zeigen, dass der frühe Einsatz supportiver Therapien lebensverlängernd sein kann.“ Psychoonkologin Dorothea Friemel erklärt: „Die seelisch-geistige Haltung eines Patienten trägt dazu bei, wie die Krankheit verläuft. Jemand, der nur verzweifelt ist, schüttet andere Botenstoffe aus als jemand, der auch glücklich ist. Das nimmt die integrative Medizin besonders ernst. Wir versuchen, die Patienten aus der allgemeinen Verzweiflung herauszubekommen.“

Habe ich mein Lebensziel erreicht?

Ein wichtiger Aspekt der anthroposophischen Medizin sei es, darauf zu achten, wie Seelisches – Hilflosigkeit, Ohnmacht, Angst – ins Körperliche hineinwirkt: „Emotionen können etwa muskuläre Schmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Eine weitere Ebene sei die biografische: „Wir fragen: Haben die Patienten ihre Lebensziele erreicht? Denn oft entstehen Trauer und Verzweiflung mit Panik-Attacken, wenn die Tumor-Patienten das Gefühl haben, dass sie kein sinnerfülltes Leben hatten. Wir überlegen mit ihnen, ob sie nicht noch etwas machen können, das sie schon immer tun wollten – etwa Klavierspielen lernen. Wer gerade am Instrument sitzt, kann nicht gleichzeitig verzweifelt sein. Es lässt sich mehr verwirklichen, als die meisten denken.“

In morgendlichen Teamsitzungen berichten Pflegekräfte, wie sie die psychische Verfassung der Patienten beurteilen. „Da erzählt dann etwa der Masseur, dass sich der Patient und seine Angehörigen bei den Besuchen anschweigen. Dann schicken wir eine Praktikantin mit ihnen zum Eisessen in die Cafeteria“, sagt Internist von Trott. Oder eine Pflegekraft holt ein ’Mensch ärgere dich nicht’, um für entspanntere Atmosphäre zu sorgen.

Die täglichen Teambesprechungen unterscheide Havelhöhe von anderen Krankenhäusern, sagt Pneumologe Christian Grah, Leiter des Lungenkrebszentrums. „Therapiekonferenzen“ nennt er sie. Denn außer Ärzten und Pflegern nehmen daran alle Therapeuten teil, von der Heileurythmie bis zur Musiktherapie. Jeder berichtet, wie er den Patienten erlebt hat, und alle überlegen, wie man noch besser helfen könnte. „Wenn ein Patient neben der speziellen Tumortherapie Entlastung und Entspannung braucht, bekommt er zum Beispiel einen mit Lavendelöl getränkten Herzsalbenlappen oder ein Ingwer-Fußbad. Allein damit kann er besser schlafen und nimmt neuen Kontakt zu sich selber auf“, sagt Grah. Therapien und Anwendungen kosten für Patienten nichts extra: „Kliniken bekommen von den Kassen eine Pauschalsumme pro Diagnose.

Für den Pneumologen Grah ist ein Therapieinstrument besonders wichtig: Die Kommunikation mit dem Patienten. „Für jeden Patienten gibt es einen Facharzt und eine Pflegekraft als spezielle Ansprechpartner, die sich auch für ihn verantwortlich fühlen.“ Doch er gibt zu, dass es bei der großen Patientenzahl manchmal mit der Umsetzung hapert.

Nach Havelhöhe kommen auch viele Lungenkrebspatienten. Sie sind meist männlich, haben keinen Zugang zu integrativen Methoden und benötigen Anregungen, um sich auf ihren Körper und ihre Psyche neu einzulassen. Rauchen war für viele bisher die einzige Form der Entspannung. Von den Therapeuten in Havelhöhe lernen sie Entspannungstechniken wie etwa Heileurythmie. Eurythmie ist jene Bewegungsform, die den Waldorfschulen das Klischee eingebracht hat, die Schüler würden dort hauptsächlich ihren Namen tanzen lernen. „Das O regt die Wärmebildung eher an als das L. Und das M beruhigt das Nervensystem“, sagt Heileurythmie-Therapeutin Elisabeth Riege. Die Patienten wollten und müssten die Theorie dahinter jedoch gar nicht verstehen. „Es geht darum, ein gutes Körpergefühl hervorzurufen. Und darum, dass den Patienten warm wird“, sagt Rieger. Genauso wie beim Ingwerwickel.

Mehr Artikel zum Thema Onkologie finden Sie in der Zeitschrift „Tagesspiegel GESUND“ Nr. 10. Sie kostet 6,50 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520. Ein Überblick über gängige Naturheilverfahren für Krebspatienten bietet das Internetportal komplementaer-methoden.de der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen und der Uni Köln. Das Deutsche Krebsforschungszentrum berät Patienten bei der Entscheidung, ob und welcher komplementären Behandlung sie sich unterziehen wollen: krebsinformationsdienst.de/behandlung/unkonv-methoden-index.php

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